Ellen Blumenstein startet mit „Relaunch“ als neue Chefkuratorin der KW

Relaunch

Ellen Blumenstein, Foto: Manuela Lintl

Ellen Blumenstein, Foto: Manuela Lintl

Ellen Blumenstein startet in der Nachfolge von Susanne Pfeffer (jetzt künstlerische Leiterin der Kunsthalle Fridericianum in Kassel) als neue Chefkuratorin der KW (Kunst-Werke) Institute for Contemporary Art ihr Programm mit einer illustren Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe betitelt mit „Relaunch“. Es ist auch eine Rückkehr der zuletzt freiberuflich tätigen Kuratorin an das Haus, in dem sie zuletzt 2005 mit Klaus Biesenbach (Mitgründer der Kunst-Werke und inzwischen Direktor der Kunsthalle MoMA PS1 in New York) und Felix Ensslin die vieldiskutierte RAF-Ausstellung „Zur Vorstellung des Terrors“ realisierte.
„Relaunch“ bedeutet schlicht Neustart im Sinne einer Überarbeitung und Neukonzeption. In der Wirtschaft beschreibt der Begriff allerdings auch „die Einführung von direkt auf dem Vorgänger aufbauenden Nachfolgeprodukten, die meist dazu dienen soll, den abschwächenden Absatz im Reifestadium des Produktlebenszyklus zu stabilisieren (Erholung vom Rückgang) oder einem solchen vorzubeugen.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Relaunch). Tatsächlich steht Ellen Blumenstein vor der schwierigen Aufgabe, die Kunst-Werke als eine der wichtigsten hauptstädtischen Ausstellungsinstitutionen für aktuelle Kunst, die vor nunmehr zwanzig Jahren als Offspace im Zentrum des wiedervereinigten Berlins in einer stillgelegten Margarinefabrik entstanden ist, in Zeiten eines schwindenden Kulturetats als lebendigen Ausstellungs- und Produktionsort für anspruchsvolle Kunstprojekte zu erhalten.
Blumenstein verspricht neue Programme und neue Formate und möchte die Kunst-Werke zukünftig verstärkt als Plattform nutzen. So experimentell die ersten drei Monate des „Relaunch“ auch sein werden, danach wird es auch wieder Gruppen- und Einzelausstellungen im klassischen Sinn geben.

Schneidetisch von Schlingensief, Foto: Manuela Lintl

Schneidetisch von Schlingensief, Foto: Manuela Lintl

Zu Beginn ihrer Bestandsaufnahme wurden die Räume der Kunst-Werke zunächst einmal komplett entkernt, und leer geräumt und die vorhandene architektonische Substanz ungeschönt offen gelegt. Unter anderem ist ein alter Schneidetisch von Christoph Schlingensief bei den Aufräumarbeiten aufgetaucht und wird als Relikt zur Schau gestellt.

Ein solch spielerischer und verschwenderischer Umgang mit räumlichen Ressourcen ist ein Luxus, den sich die Chefkuratorin sicher nur einmalig leisten kann, um öffentlich darüber nachzudenken, wie die Kunst-Werke „sein wollen, sein könnten, und – möglicherweise – sein werden.“
Noch fragt man sich auch als Besucher etwas desorientiert, wohin die Reise denn tatsächlich gehen soll und wird. Die Kontinuität besteht darin, dass das Haus weiterhin als Ort für diskursorientierte und engagierte Kunst und als produktionsorientierte Stätte genutzt werden soll. Hier knüpft Blumenstein an die Handschrift des ersten Chefkurators Klaus Biesenbach an.
Zukünftig werden Buchshop und Kassenbereich gut sichtbar nach außen in das Vorderhaus verlegt. Im ersten Obergeschoss des Vorderhauses wird ein Studiolo untergebracht, in dem die Geschichte des Hauses und der hier stattgefundenen Ausstellungen und Veranstaltungen mittels verschiedener Medien dokumentiert wird und erforscht werden kann. Eine Präsenzbibliothek versammelt Kataloge und Bücher zu den Künstlern, die in den letzten zwanzig Jahren mit den KW zusammen gearbeitet haben. Das Erdgeschoß im Hinterhaus und die große Halle werden zu zentralen Ausstellungsräumen für ein – so hofft man – großes und oftmals kurzweiliges Publikum. Die oberen Geschosse werden experimenteller bespielt und Kooperationspartner-basiert, beispielsweise mit dem Hygienemuseum Dresden oder den Berliner Festspielen, auch um Synergieeffekte zu erzeugen.
Ein Kernelement des Blumensteinschen Starterkits sind die sogenannten Teaser (vom englischen to tease = reizen, necken), hier als Anreize für das Publikum in Form verschiedener Veranstaltungen konzipiert, durch die sukzessive die Räume der relaunchten Kunst-Werke bespielt werden. Sie sollen nicht nur die Neugier vieler Besucher wecken, sondern sie auch konstant aufrechterhalten.
Ellen Blumenstein möchte auch Grenzen des kuratorischen Handelns nach innen und außen aufzeigen und verfolgt einen partizipatorischen und transparenten Ansatz. So kreierten Sabine Reinfeld und Ulf Aminde im Rahmen ihres Projektes „INSISTERE #7_DON’T FUCK WITH MY NAME (HACKING THE CURATOR)“ einen Avatar namens Ellen Bluumenstein, der u.a. in einem Workshop zum Einsatz kam, in dem die Teilnehmer Aufgaben und Motive der Kuratorin beeinflussen konnten. Inwieweit sich Formen der Teilhabe auch im kontinuierlichen Ausstellungsalltag fortführen lassen, bleibt allerdings abzuwarten.

Bis zum 25. August 2013, KW Institute for Contemporary Art, Auguststr. 69, 10117 Berlin-Mitte

Mi-Mo 12-19h, Di geschlossen

www.kw-berlin.de

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