Christian Boltanski – Bewegt

Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg eher flach als tiefgründig

„Voilà c’est la solution pour Wolfsburg!“ (Da ist die Lösung für Wolfsburg!) Mit diesen Worten hat Christian Boltanski in seinem Wohnort Paris Museumsdirektor Markus Brüderlin im Vorfeld der Wolfsburger Ausstellung mit dem schlichten Titel „Bewegt“ freudestrahlend das Stoffmuster eines hauchdünnen und lichtdurchlässigen Textils präsentiert. Hierauf ließ er 190 schwarz-weiße, anonyme Porträtfotos für seine neue Installation „Geist(er)“ drucken. Die monumentale Arbeit hat der französische Konzeptkünstler eigens für Wolfsburg entworfen. Genau wie die Außeninstallation „Die Stimmen der verirrten Seelen“ im Japangarten.

Die Arbeit besteht aus kleinen, an Stäben aufgehängten selbsttönenden Metallglöckchen, die vom Wind gespielt werden und profane und religiöse Symbolik vereinen: Glocken können Signalgeber sowohl bei kultischen Handlungen als auch bei alltäglichen weltlichen Ereignissen sein. Verglichen mit Boltanskis älteren existenziellen Spurensicherungen, seinen eindringlichen Visualisierungen des Verschwindens und mechanisierten Tötens oder Plädoyers für die Gleichrangigkeit der Menschen in Installationen mit Fotografien oder gebrauchten Kleidungsstücken wirkt die neue Arbeit allerdings sehr dekorativ.

Boltanski_Wolfsburg_2013_1

Geist(er), 2013, Ausstellungsaufbau/Pressekonferenz
„Christian Boltanski – Bewegt“ im
Kunstmuseum Wolfsburg,
Bedruckte Textiltücher,
Transportsystem, Ventilatoren, 16 x 40 x 40 m,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2013,
Foto: Manuela Lintl

Herzstück der Wolfsburger Schau, die um das Thema Tod kreist, sind aber zweifelsohne die „Geist(er)“ die Boltanski passgenau auf die große zentrale Oberlichthalle des Museums zugeschnitten hat. Die raumfüllende Installation besitzt Bühnenbildcharakter und berührt den Besucher auf eine sinnliche Art und Weise. Ästhetisch besticht die Arbeit durch die ausgewogene und klare Komposition und eine ätherische Leichtigkeit, mit der Boltanski der Schwere des Themas Vergänglichkeit – die eigene und universale –  mit Gelassenheit begegnet. Boltanski hat mit diesem materiell erstaunlich hellen und leichten Werk ein Paradox geschaffen, indem er die blass bedruckten Textiltücher als Träger fixierter Erinnerung und Authentizität als poetische Maschinerie installiert. Die großen Stoffdrucke sind in gleichmäßigen Abständen zweireihig an Fäden in unterschiedlicher Höhe aufgehängt. Langsam ziehen einige mithilfe eines Transportsystems, das in Linien und Kurven unterhalb der Decke montiert ist, in ununterbrochener Bahn durch den Raum. Fast geräuschlos schweben die „Fahnen“ mit den vergrößerten und dadurch unscharfen Konterfeis anonymer Personen umher.

Entnommen hat Boltanski sie aus dem Bildfundus seiner Installation „Menschlich“ von 1994, die sich in der Sammlung des Museums befindet und ebenfalls Bestandteil der Ausstellung ist. In einem abgedunkelten Raumkubus innerhalb der großen Halle reihen sich 1200 quadratisch gerahmte Fotografien mit anonymen Porträts als strenges Raster aneinander. In diesem grabähnlichen, bedrückenden Schrein der Erinnerung hat Boltanski Fotografien zusammengeführt, die in verschiedenen Porträtinstallationen zwischen 1970 und 1994 zum Einsatz kamen, beispielsweise in der auf der documenta 8 gezeigten Installation „Die Reserven“ (1987). Die Fotos der Namenlosen selbst stammen aus privaten Fotoalben aus aufgelösten Haushaltsnachlässen, die man damals noch haufenweise auf Flohmärkten finden konnte und aus Polizeiarchiven. Angesichts der hier abgelichteten Menschen verschiedener Generationen, Geschlechter und sozialer Herkunft stellt sich vor allem die Frage nach der Täter- oder Opferrolle und generell nach bleibenden Spuren eines jeden gelebten Lebens.

Boltanski kam 1944 kurz nach dem Ende der deutschen Besatzung im befreiten Paris als Sohn eines ukrainischen jüdischen Vaters und einer korsischen Mutter zur Welt. Seine Kindheitserinnerungen sind daher geprägt durch die Folgen der deutschen Naziherrschaft und des Holocaust. In seinen frühen Arbeiten spielte die Spurensicherung zur Nachforschung und Darstellung der eigenen Existenz eine große Rolle. Die „Geist(er)“ vermitteln nun den vorwärts gerichteten Blick des 68-Jährigen auf den unweigerlich nahenden eigenen Tod und gleichen einem symbolischen Akt der Seelenbefreiung. Im Interview der dünnen Ausstellungsbeilage im Zeitungsformat formuliert Boltanski das so:“ Für mich ist Menschlich das Grab, und mit der neuen Arbeit beginnt sozusagen der Geist frei zu schweben.“

Auch die übrigen Arbeiten in der Ausstellung thematisieren seine Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Wobei es  so gut wie ausgeschlossen ist, dass Boltanski nach seinem Tode dem Vergessen anheimfällt. Er ist längst in die Kunstgeschichte eingegangen. Seine Arbeiten wurden und werden weltweit ausgestellt und viele sind in öffentliche Sammlungen eingegangen. Boltanski hat mehrfach an der documenta und Biennale von Venedig teilgenommen und wurde unter anderem mit dem Aachener Kunstpreis, Goslarer Kaiserring und Premium Imperiale ausgezeichnet.

Auf der Stirnwandseite der Empore in der großen Halle, direkt über dem Raum der Installation „Menschlich“, hängt unscheinbar und großspurig zugleich eine fünf Meter lange LED-Installation, die am Tag der Pressekonferenz irgendwann die zehnstellige Zahl 2161044279 in rot leuchtenden Ziffern angezeigt hat. Schon in der nächsten Sekunde stand an letzter Stelle eine 0, denn bei dieser Arbeit mit dem Titel „Die letzte Sekunde“ (2012) handelt es sich um ein Zählwerk der Lebenszeit des Künstlers, die im Sekundentakt aktualisiert wird. Stirbt Boltanski, wird die Zeit angehalten. Eine persönliche digitale Lebensuhr besonderer Art, denn das Zählwerk gelebter aber auch unwiderruflich verrinnender Lebenszeit ist ein „Countdown to Death“… Man mag das als makaber oder vielleicht sogar angsteinflößend empfinden, doch bezeugt die Vanitas-Installation auch einen spielerisch-trotzigen Umgang mit der zeitlichen Begrenzung der Lebenszeit und bekundet unterschwellig Humor. Boltanski selbst spricht davon, sich gewissermaßen in einem selbsttherapeutischen Akt an das Sterben gewöhnen zu wollen.

Auch der Ausstellungsbesucher gewöhnt sich allmählich an die Unausweichlichkeit des Todes, dem vielleicht letzten großen Mysterium der Menschheit, und so durchläuft man die beiden seitlichen Kabinette mit der Installation „Entre temps“ aus dem Jahr 2003 schon fast emotionslos. Im ersten Raum tönt aus vier in den Raumecken postierten Lautsprechern laut eine Aufnahme vom Herzton des Künstlers. Daneben läuft im abgedunkelten Kabinett eine Endlosprojektion verschiedener fotografischer Selbstporträts von Boltanski aus unterschiedlichen Lebensphasen. Die minimalistische Umsetzung wirkt hier eher flach als tiefgründig, denkt man beispielsweise an Roman Opalkas stringente Auseinandersetzung mit Zeitlichkeit und Vergänglichkeit.

Der Herzschlag ist genauso individuell wie der Fingerabdruck und für Boltanski ein Symbol der Einzigartigkeit jedes Menschen aber auch seiner Sterblichkeit. So betrachtet sind die Herztöne ein akustisches Selbstporträt und stehen darüber hinaus im Zusammenhang mit Boltanskis 2008 begonnenem Projekt „Archives du coeur“. Hierfür sammelt und archiviert der Künstler auf der japanischen Insel Teshima Aufnahmen von Herztönen. Inzwischen kann man sich in einem Haus auf der idyllischen Insel bereits sechzigtausend verschiedene Heartbeats anhören. Der konservierte Herzschlagsound fungiert also ähnlich wie die Porträtfotografien und soll dem Vergessen einer Person entgegen wirken und als Zeugnis seiner Existenz den physischen Tod überdauern. Auf die Bedeutung des Medienraumes als wichtigste Fortsetzung der Schrift für die Erinnerung hat der Medienkünstler und -theoretiker Peter Weibel bereits 1996 in einem Interview hingewiesen: „Film und Video sind… andere Medien der Erinnerung. Die Medien können die Personen, die wir verloren haben, als Erinnerung visuell, akustisch wiederbringen.“

Es scheint als transformiere sich Boltanskis Erinnerungsarbeit im Wettlauf mit der eigenen Restlebenszeit zu einer stärkeren Spiritualität. Im Hinblick auf das eigene Sterben gewinnt die Betonung der Einzigartigkeit und Bedeutsamkeit eines jeden Individuums zusätzlich an existenzieller Bedeutung. Die zentrale Frage die in dieser Ausstellung formuliert wird lautet daher: Ist eine Spiegelung der menschlichen Identität überhaupt möglich und (künstlerisch) darstellbar?

Bis 21. Juli, Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1, 38440 Wolfsburg, Di-So 11-18 Uhr, Eintrittspreise 8 / erm. 5 Euro, Familienkarte 12 Euro
www.kunstmuseum-wolfsburg.de

© Manuela Lintl 2013

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