„Meine Projekte wirken nachhaltig…

Gespräch mit der Künstlerin Seraphina Lenz über ihr Langzeit-Kunstprojekt Werkstatt für Veränderung

2002 hat Seraphina Lenz die Werkstatt für Veränderung ins Leben gerufen, seither tritt sie alljährlich mit einer dreiwöchigen Intervention im Berliner Bezirk Neukölln in Erscheinung.Jedes Jahr entwickelte die Künstlerin seitdem eine neue Aktion, die gemeinsam mit Anwohnern umgesetzt wurde. Zunächst 2003-2010 im Carl-Weder-Park, eine langgestreckte knapp sieben Hektar große Grünfläche, die als begrünter Deckel über Berlins längstem Autobahntunnel 1999-2000 angelegt wurde. Danach auf einem benachbarten Grundstück ebenfalls im Sanierungsgebiet Wederstraße in Neubritz, in der Rungiusstraße 19 unter einem verwaisten weißen Zeltdach. Während künstlerische Interventionen im urbanen Raum in der Regel temporär und einmalig sind und oft ein Überraschungsmoment nutzen oder Provokation einsetzen, zeichnet sich dieses auf Kontinuität setzende Projekt aus durch praktizierte Einmischung, Teilhabe und Transparenz. Die Werkstatt für Veränderung zeigt, dass es möglich ist, mit den Mitteln der Kunst konstruktiven Widerstand zu leisten und auch in sogenannten Problembezirken Veränderungen herbeizuführen.

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Werkstatt für Veränderung 2005
Mit einer Postkarte wurde die Ankunft eines weißen Pferdes im Carl-Weder-Park angekündigt. Die Nachricht sprach sich schnell herum, vor allem unter den Kindern. Dann zog Hannibal, ein schneeweißer Kaltblutwallach, für drei Wochen ein.
Foto: Lothar M. Peter 2011

Manuela Lintl: Du kommst ursprünglich von der Bildhauerei. Merkmale deiner installativen und skulpturalen Arbeiten sind unter anderem die Verwendung von Alltagsobjekten in transformativen Zusammenhängen, Kulissenhaftigkeit, formale Reduktion und Maßstabsveränderungen. Siehst du dich in erster Linie als Bildhauerin oder eher als Aktionskünstlerin, die vorzugsweise im öffentlichen Raum agiert?
Seraphina Lenz: Ich sehe mich als Bildhauerin von meinem künstlerischen Denken her und dieses künstlerische Denken nehme ich mit in den öffentlichen Raum.

Läuft beides parallel?
Ja, allerdings hat sich der Schwerpunkt seit einigen Jahren in den öffentlichen Raum verlagert.

Seit 2002 trittst du mit der sogenannten Werkstatt für Veränderung mit zeitweisen Interventionen in Erscheinung, die den künstlerischen Strategien der Recherche und der sozialen Plastik folgen. Kannst du das kurz erläutern, auch im Hinblick darauf, wie Du Deine Rolle als Künstlerin definierst?
Die Werkstatt für Veränderung war das Ergebnis eines Kunst-am-Bau-Wettbewerbs für den Carl-Weder-Park in Neukölln.

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Werkstatt für Veränderung 2006
Im Mai 2006 wurden 1200 zarte Pflänzchen ins Gelände gesetzt. Es war ein Experiment, das den Härten des Ortes mit offensichtlicher Fragilität begegnete und mögliche Zerstörung einkalkuliert hatte. Passanten kommentierten die Pflanzaktion: „Das ist doch morgen alles rausgerissen!“ Aber es wurde nichts zerstört. In den Hitzemonaten des Sommers wurden die Pflanzen täglich gegossen, während sich das Gras ringsherum in Stroh verwandelte. Foto: Lothar M. Peter, 2011

Um den Entwurf vorzubereiten, habe ich im Vorfeld viel in dem Gebiet vor Ort recherchiert und auch mit Leuten gesprochen, um herauszufinden, welche sozialen Räume sich hier auftun. Das hat im Grunde das gesamte Projekt von 2002-2010 begleitet. Jedes Jahr, wenn ich für eine neue Aktion drei Wochen vor Ort war, lief parallel zu den unterschiedlichen Inszenierungen immer auch eine Art Feldforschung. Es gab unter anderem ein lebendiges Pferd samt Koppel, Gemüseanbau, Film und Theater.

Das Besondere  an dem Projekt ist die immer sehr heterogene Zusammensetzung von Leuten, die gemeinsam in Aktion treten: Eine Dramaturgin, die sonst nur beim Theater arbeitet, eine türkische Hausfrau, die jetzt das Café leitet, ein arabischer Jugendlicher  oder ein Praktikant, der kurz vor seiner Reise nach Australien steht. Sie  alle haben sich viel zu erzählen in so einem Projekt und müssen, obwohl sie sich fremd sind, zusammen produktiv sein. Wenn das funktioniert, ist es ein interessanter Mikrokosmos, der die Möglichkeiten der Gesellschaft abbildet.

Wie gehst du mit Einflüssen und Reaktionen von außen um? Die können doch bestimmt auch demotivierend oder eine Einengung der künstlerischen Freiheit sein?
Genau. Es gab natürlich schwierige Momente, wenn künstlerische Ideen zerstört wurden oder einfach nicht sichtbar werden

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Werkstatt für Veränderung 2004
Im Sommer 2004 widmete sich die Werkstatt dem Thema Licht und fand überwiegend nach Einbruch der Dunkelheit statt. Es gab einen Leseabend, bei dem an jeder der 26 Bänke eine Stehlampe stand, so als wären die Lampen aus den benachbarten Wohnzimmern in den Park gewandert. Für die Lampionlounge wurden in der Werkstatt im Park Lichtkörper gebaut und zu einem großen Ensemble zusammengefügt. Foto: Lothar M. Peter 2011

konnten. Das ist schon schmerzlich, gehört aber auch mit zu dem Prozess. Zum Beispiel hatte ich eine Installation mit tausend Knicklichtern gemacht, die auf der Fläche im Park verteilt waren. Aber in der Dämmerung, als diese gerade anfingen zu leuchten wurden alle von Besuchern aufgesammelt. Sie stopften sie in ihre Hosentaschen, die dann ausbeulten und leuchteten. So werde ich nie erfahren, wie meine Idee ausgesehen hätte.

Der von dir verwendete Begriff der „sozialen Plastik“ als Bezugspunkt Deiner Arbeit geht auf Joseph Beuys zurück, einen der bekanntesten und streitbarsten Künstler unserer Zeit. Beuys steht ja aktuell besonders in der Kritik aufgrund der Infragestellung seiner künstlerischen Glaubwürdigkeit vor dem Hintergrund neu erforschter Details in der vor einigen Monaten erschienenen Biografie von Hans-Peter Riegel. Wie beurteilst Du den Stellenwert der (menschlichen) Glaubwürdigkeit für die Überzeugungskraft von Kunst? Muss das deckungsgleich sein?
Für mich persönlich muss das deckungsgleich sein. Ich würde aber nicht unbedingt sagen, dass Riegels Thesen, die ja auch strittig sind, die Glaubwürdigkeit von Beuys infrage stellen. Es geht doch eigentlich um die Frage, ob ein Künstler auch ein guter Mensch sein muss. Der Meinung bin ich nicht. Das finde ich absolut nicht.

Bist Du eine politische Künstlerin?
Ich verstehe mich zunehmend als politische Künstlerin. Nach meinem Studium bin ich mit einem minimalistischen Ansatz gestartet und habe alles als Irritation erlebt, was störend in das Werk von außen reinkommt. Das hat sich durch die Arbeit im öffentlichen Raum komplett verändert. Da bin ich auf gesellschaftliche Zusammenhänge, Situationen und Realitäten gestoßen, mit denen ich einfach umgehen musste. Das hat mir hautnah klar gemacht, wie mit Bildung umgegangen wird, wie alltäglicher Rassismus funktioniert, dass manche Kieze sich nur schwer entwickeln können und in andere wiederum investiert wird und sie dadurch unglaublich teuer werden. Mich interessiert welche Kräfte und Interessen eine Stadt verändern.

Wie definierst Du Erfolg für Dich? Und wie ist er für Dich messbar?

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Werkstatt für Veränderung 2013
Ein Riesentheater – Theateraufführung zum Abschluss, Foto: Michael Bause

Wenn ich so ein Projekt wie in Neukölln abschließe und zweihundert Menschen zusammen kommen und gemeinsam einen Moment erleben, der durch die vorangegangene wochenlange Arbeit entstanden ist und den sie sonst nicht erfahren hätten und sich daran freuen, dann ist das für mich ein Erfolg. Ein andres Kriterium ist es, innerhalb des Kunstdiskurses zu bleiben mit der Arbeit.  Wenn ich zum Beispiel für einen Vortrag angefragt werde. Es bedeutet auch, dass partizipatorische Projekte im öffentlichen Raum als Kunst anerkannt werden, die eine spezielle Qualität besitzt.

Warum agierst Du mit Deinem Team ausgerechnet in einem Randbezirk im Stadtteil Neukölln? Was war 2002 entscheidend bei der Auswahl des Standortes?
Als die Debatte um Gentrifizierung aufkam, war ich zunächst froh an einem Ort zu agieren, der davon wahrscheinlich erst einmal nicht betroffen sein würde. Das klingt vielleicht ein bisschen zynisch, aber tatsächlich ist es ein Teil des Bezirks, dem ein solches Projekt nicht viel anhaben kann, der es aber auch braucht, weil es nicht so viele kulturelle Angebote dort gibt.

Das heißt der Begriff Veränderung bezieht sich sowohl auf den Ort als auch auf die Teilnehmenden und auch auf Dich?
Ja auf jeden Fall. Es ist ganz klar, dass sich auch meine Biografie verändert hat durch ein Projekt, das zehn Jahre lang dauert und an einen Ort gebunden ist. Man kann auch noch andere Sachen machen, aber das kriegt natürlich ein großes Gewicht.

Wie ist Dein Projekt mit Fokus auf Aktion und Beteiligung innerhalb des Kunst- und Kulturstandortes Berlin zu verorten? Handelt es sich um eine Ausnahmeerscheinung oder gibt es –wie vergleichsweise bei der Do-It-Yourself-Bewegung in alternativen Bereichen der Mode und des Designs oder bei Formen des ebenfalls partizipatorisch ausgerichteten städtischen Gärtnerns wie zum Beispiel in den  Prinzessinnengärten –  einen Trend solch emanzipatorischer Kunstpraxis?
Was die Werkstatt für Veränderung  von anderen künstlerisch partizipatorischen Projekten unterscheidet, ist der Langzeitaspekt. Hierfür stand ein Budget zur Verfügung und das hat mir erlaubt, eine künstlerische Vision für die Planung eines lang anhaltenden Prozesses zu entwickeln. Das ist strukturell eine Ausnahme, diese Möglichkeit haben

Seraphina Lenz /Filmpark/ Carl - Weder - Park Berlin

Werkstatt für Veränderung 2008
So wurde der Carl-Weder-Park zum Drehort. Es entstand ein 35-minütiger Film über den Ort und seine Besucher, die eingeladen waren, Inhalte und Bilder des Films mit zu gestalten. Man konnte zum Casting kommen und im Film eine Rolle spielen. Kameras lagen bereit, um eigene Sequenzen aufzunehmen. Es gab ein Separee für ungestörte Meinungsäußerungen vor der Kamera und Drehbuchbesprechungen. Foto: Lothar M. Peter 2011

nicht viele Künstlerinnen und Künstler. Was schade ist, denn das Potenzial ist da. Das spezielle an der Werkstatt für Veränderung ist, dass sie ortsspezifisch ist, sich an einer Stelle abgearbeitet hat und mit der Zeit einen Bildungsanspruch entwickelt hat. Der war verknüpft mit der Vorstellung, so zu arbeiten, dass die Anwohner selber auf die Idee kommen können, die Stadt oder ihren Ort anders wahrzunehmen und anders damit umzugehen.

Im Kunstdiskurs werden solche Formen künstlerischer Arbeit oft als Kunstsozialarbeit abgewertet, und als eine nicht gleichwertige Parallelwelt klassifiziert. Stimmt dieser Eindruck?
Ja das ist so. Es gibt allerdings auch im klassischen Kunstkontext Ausnahmen. Zum Beispiel publikumswirksame Installationen wie I am Turkish, I am Honest, I am Diligent von Esra Ersen,  gleichsam das Ergebnis eines künstlerischen Feldversuchs. Der Titel zitiert einen Eid, den viele türkische Schüler jeden Morgen leisten. Die Arbeit von Esra Ersen besteht aus fünfundzwanzig türkischen Schuluniformen, die eine Linzer Schulklasse eine Woche lang trug und  einer Videodokumentation der Schüler während dieser Woche. Solche Projekte sind wesentlich präsenter. Oder auch  Arbeiten von international bekannten Künstlern wie Thomas Hirschhorn. Natürlich weckt es die Hoffnung, dass ein Projekt wie Hirschhorns „Bataille Monument“ auf der documenta11 in 2002 hilft, Formen der Kunst in sozialen Kontexten anders zu bewerten. Das ist aber letztendlich nicht passiert.

Auch die ausstellenden Institutionen haben oftmals Berührungsängste gegenüber dieser Art von Kunst, die sehr komplex und schwer zu präsentieren ist und auch noch schwer verkäuflich zu sein scheint…
Ja natürlich.

Wie beurteilst Du den Wert oder die Bedeutung von eher marktorientierten Kunstevents wie zum Beispiel die Berlin Art Week für die Künstler vor Ort und besonders die freie Szene, in der sich immerhin 95 Prozent aller Kunst- und Kulturschaffenden versammeln? Braucht die hauptstädtische Kunstszene solche Veranstaltungen oder ziehen die Tourismusbranche, Kunsthändler und Galeristen in erster Linie einen Nutzen daraus?
Für die Werkstatt der Veränderung ist diese Art von Projekten absolut unerheblich. Ich bin aber auch an einem Projektraum beteiligt, der Produzentengalerie oqbo. Wir machen bei der Berlin Art Week mit, zu der tatsächlich mehr Leute in die Stadt kommen.

Sind aus Deiner Sicht basisorientierte und partizipatorische Alternativen wichtig und nötig – vielleicht auch im Gegenzug zu – offen oder verdeckt – elitär ausgerichteten Großausstellungen oder spektakulären Veranstaltungen – weil sie eine emanzipatorische und (bewusstseins-) bildende Wirkung haben?
Das hängt letztendlich von der Qualität der Kunstvermittlung ab, die es ja auch in allen großen Ausstellungshäusern gibt. Man kann auch große Ausstellungen benutzen, um etwa Kindern und Jugendlichen etwas zu zeigen und ihnen neue Welten zu eröffnen.
Meine Projekte wirken nachhaltig, auch wenn sie einmal im Jahr nur für drei Wochen stattfinden. Viele der Teilnehmer kommen jedes Jahr wieder und fühlen sich als Teil des Ganzen.

die-werkstatt.blogspot.de
seraphinalenz.de
© Manuela Lintl 2013

Aktuelles Projekt:

WERKSTATT FÜR VERÄNDERUNG betört den weißen Riesen
täglich 15 – 19 Uhr (außer Sonntag) mit dem famosen Café Glitz
18. – 23. August Bühnenbild und Showtreppe / Holz, Farbe, Papier
25. – 30. August Figuren, Kostüm, Maske / Stoff, Text und Schminke
1. – 5. September Choreographie, Tanz und Performance / Körper, Stimme, Musik

Galmourriese – Die Show. Eine musikalische Revue mit Tanz, Text, Sound und Vision.
Samstag, 6. September 2014, um 20:30 Uhr (Einlass: 19:30)

>>Glamourriese
bis zum 5. September 2014
Rungiusstraße 19
12347 Berlin

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Werkstatt für Veränderung 2003
Mitten im Park wurde ein hellblauer Container mit 100 hellblauen Liegestühlen platziert, die im Sommer die Sitzmöglichkeiten im Park erweiterten. Für drei Wochen konnten Besucher täglich einen Liegestuhl ausleihen und dort Platz nehmen, wo sie wollten. Foto: Lothar M. Peter, 2011

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