Heike Ruschmeyer

Ein Atelierbesuch bei der Malerin Heike Ruschmeyer in ihrem neuen Domizil im Künstlerhof Frohnau zeigt: Bedeutende Kunst ist nicht unbedingt in Museen zu finden

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Atelier Heike Ruschmeyer, Foto: Matthias Reichelt

Der seit fünfzehn Jahren bestehende Künstlerhof Frohnau öffnet ein- bis zweimal im Jahr zum Tag der Offenen Tür die Atelierräume für BesucherInnen. Mitte September 2013 war es wieder soweit und an einem Wochenende strömten viele Neugierige und Kunstinteressierte in den Wald von Frohnau, im nördlichen Teil Reinickendorfs, am nordwestlichen Rand von Berlin. Eine Buslinie geht direkt vom S-Bahnhof Frohnau zur Haltestelle Hubertusweg. Die Straße führt dann mitten in den Wald hinein und ein großes weißes Transparent, das zwischen den Baumkronen schwebt, weist den Weg zum Künstlerhof. Tatsächlich gibt es im Hubertusweg nur zwei Häuser, zunächst Haus Nummer eins, das man links liegen lässt und so, weiter Richtung Hubertussee laufend, zum Eingang des Gebäudekomplexes von Nummer 60 auf der rechten Seite gelangt.

Der Künstlerhof Frohnau: 4000 m² Atelier- und Wohnfläche

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Foto: Matthias Reichelt

An der Torzufahrt des umzäunten Geländes bietet sich ein illustrer Anblick: Am Zaun linkerhand hängen bunt gemischt neben- und übereinander und gänzlich ungeordnet alte Briefkästen. Das Ensemble wirkt wie eine überdimensionale dadaistische Collage. Es unterstreicht, wie sehr es sich bei den Nutzern und Bewohnern des Künstlerhofes um eingefleischte Individualisten handelt. Auf dem Gelände bestimmen Birken und hoch gewachsene Nadelbäume, vor allem Kiefern das landschaftliche Bild. Dazwischen und zum Teil durch niedrigeres Gestrüpp verdeckt, stehen auf der linken Grundstücksseite Fachwerkhäuser aus den 1920er Jahren in drei zusammenhängenden eingeschossigen Komplexen. Das gegenüberliegende Areal ziert als pittoreske Attraktion eine Blockhütte von 1907. Das unter Denkmalschutz stehende Blockhaus ist das älteste Gebäude auf dem Gelände und zugleich zuletzt hinzugekommen, denn es wurde erst 2002 auf den Künstlerhof umgesetzt. Weiter hinten liegt abseits ein unsanierter, mehrgeschossiger Neubau im Klinikbaustil aus dem Jahr 1970.

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Im Atelier von Heike Ruschmeyer, Foto: Matthias Reichelt (Ausschnitt)

Die Häuser des Künstlerhofes haben eine wechselvolle Nutzungsgeschichte hinter sich: Sie dienten ursprünglich als Lazarett, dann als Lungenheilstätte und später als Außenstelle der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik. Zuletzt wurden in dem Areal vorübergehend bosnische Flüchtlinge untergebracht. Nach einjährigem Leerstand wurden die Altbauten 1998 dann mit langfristigen Verträgen an den Künstlerhof Frohnau e. V. vergeben. Mit Unterstützung des Bezirksamtes Reinickendorf und viel Eigeninitiative der Künstler entstand sukzessiv eine Produktionsstätte, die 4000 Quadratmeter Atelier- und Wohnfläche umfasst, für maximal fünfzig bildende Künstler, Schriftsteller, Fotografen, Musiker, Komponisten, Tänzer und Schauspieler.

Leben und arbeiten abseits großstädtischer Hektik

Das Septemberwetter am 21. Tag der Offenen Tür war spätsommerlich schön und der Wechsel von Sonne und kurzen Nieselregenschauern zeichnete ein idyllisches Bild. Aus dem Waldboden sprießende Pilze und bunte Beeren an Sträuchern wetteiferten mit dem noch üppigen Grün der Bäume. Doch wie mag es auf dem Künstlerhof im Winter aussehen? Ich stelle es mir still und einsam vor, die Natur nur noch ein tristes Graubraun. Vielleicht nicht für jeden Kreativen der geeignete Ort zum Arbeiten. Heike Ruschmeyer (1956 im niedersächsischen Uchte geboren) gehört zu den Künstlern, die hier dauerhaft ihr Wohn- und Arbeitsquartier bezogen haben. Wohnbereich und Atelier mit Büro der Malerin befinden sich in unterschiedlichen Geschossen des 70er-Jahre Neubaus. Heike Ruschmeyer ist nach Frohnau gekommen, nachdem ihr langjähriger Mietvertrag in einer Schöneberger Fabriketage gekündigt wurde. Mittlerweile genießt sie ihr neues, ländlich geprägtes Leben abseits der großstädtischen Hektik.

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Im Atelier von Heike Ruschmeyer, Foto: M. Lintl

Mich hat interessiert, ob das neue Umfeld womöglich verändernden Einfluss auf die Inhalte ihrer Arbeit hat? Ob das Malen inmitten der Natur etwas an ihrer spezifischen Form der Auseinandersetzung mit Themen rund um Tod und Gewalt, die man gelinde gesagt als schwierig titulieren kann, verändert hat? Das scheint aber nicht der Fall zu sein. Auch neuere Werke, die in Frohnau entstanden sind, kreisen im weitesten Sinn um die Verletzbarkeit des menschlichen Körpers, seiner Psyche und Seele.
Man könnte etwas zynisch vermuten, dass Heike Ruschmeyer in provozierender Absicht ihr und damit auch unser Augenmerk bevorzugt auf unbequeme und nur schwer zu ertragende Aspekte des Daseins und der Wirklichkeit lenkt. Beharrlich und mit überzeugender Sensibilität erforscht sie malerisch das Leben, auch und vor allem in seinen dunkelsten Erscheinungen.

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Neue Arbeiten im Atelier von Heike Ruschmeyer, Foto: M. Lintl

Misshandelte oder vernachlässigte Kinder, gequält bis zum Tode, was gibt es grausameres? Wohl nichts. In Ruschmeyers vielfach großformatigen Bildern begegnen uns Opfer von Gewaltverbrechen, Selbstmörder, Porträts Verschwundener oder Körper von Folteropfern. Nicht einmal die Fiktionalität bleibt als Trost, denn Ruschmeyer arbeitet mit fotografischen Vorlagen, die sich auf reale Vorkommnisse beziehen.

Widersprüchlichkeit zwischen Inhalt und Form bis zur äußersten Grenze

Ihre Motiv- und Themenquellen sind Tageszeitungen, gerichtsmedizinische Fachbücher, Polizeiberichte oder Privatfotografien. Die malerische Perfektion und Schönheit, mit der ihre Bilder ausgeführt sind, steigern die Widersprüchlichkeit zwischen Inhalt und Form bis zur äußersten Grenze. So fordert die Künstlerin die Betrachter gnadenlos zum Nachdenken über Ursache und Wirkung, Täter und Opfer, Gut und Böse, Leben und Tod heraus. Das ist unbequem, denn wir können diese Bilder nicht einfach anschauen und genießen ob ihrer Schönheit, sondern erfahren unbequeme Wahrheiten, werden zu Mitwissern und tatenlosen Zuschauern.

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Blick in das Atelier von Heike Ruschmeyer, Foto: Matthias Reichelt

Der extrem hohe Wirkungsgrad ihrer Kunst stellt Heike Ruschmeyer in eine Reihe mit Berliner Künstlern wie Käthe Kollwitz (1867-1945), von der der Satz stammt: „Ich will wirken in dieser Zeit“, oder dem wirklichkeitsbesessenen Alleszeichner Adolph Menzel (1815-1905), der ohne gesellschaftsverändernde Ambitionen unermüdlich malend Ereignisse und Gegebenheiten seiner Epoche dokumentierte aber auch kommentierte.
Mittels Empathie gelingt es Heike Ruschmeyer wie kaum einem anderen gegenwärtigen Maler, Ikonen zu schaffen. Nicht im Sinne religiöser Kultbilder, sondern bezogen auf die symbolhafte Verkörperung bestimmter Vorstellungen und Empfindungen und die Spiegelung existenzieller Fragen. Ihre Gemälde wirken nach, brennen sich ein in unser Bildgedächtnis und lassen uns nicht so schnell wieder los. Das ist zugegebenermaßen manchmal nur schwer auszuhalten. Bei manchem Betrachter erzeugen die Bilder wohl deshalb bisweilen vorwurfsvolle Ablehnung, als wäre die Malerin für die von ihr ausgewählten Bildgegenstände selber verantwortlich.

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Heike Ruschmeyer, Lalelu17, 2011, Foto: Jan Schüler

Wie kommt es, dass eine solch hochrangige Malerin viel zu wenig wahrgenommen, rezipiert und museal präsentiert wird? Zwar befinden sich Arbeiten von ihr in so bedeutenden Sammlungen wie dem Mönchehaus Museum Goslar, der Sammlung Ludwig Aachen, der Kunsthalle Hamburg, dem Sprengel Museum Hannover und der Berlinischen Galerie. Seit der legendären Einzelausstellung „Maßlose Zeit“ 1993 in der Staatlichen Kunsthalle Berlin gab es zwar viele Einzelausstellungen, vor allem aber in Galerien und nicht in Museen. Auch in wichtigen Großausstellungen aktueller Malerei fehlt der Name Heike Ruschmeyer allzu oft. So auch im jüngsten Berliner Malereispektakel „Painting Forever!“, einer Kooperation von Berlinischer Galerie, Deutsche Bank KunstHalle, KW Institute for Contemporary Art und Nationalgalerie-Staatliche Museen zu Berlin in der immerhin über siebzig Positionen gegenwärtiger Malerei zu sehen waren. Initiiert wurde diese (für Berlin untypisch) institutionsübergreifende Großveranstaltung vom Regierenden Bürgermeister von Berlin (Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten). Offenbar ist man in Berlins oberster Kulturverwaltung immer noch bemüht, vergangene Desaster wie das „Leistungsschau-Debakel“ oder die Kunsthallen-Initiative auszubügeln oder von latenten Missständen wie dem hartnäckig weiter praktizierten, in seiner jetzigen Form unsinnigen Prinzip der Künstlerförderung abzulenken. (Ein Artikel von Andrea Hilgenstock vom 21.2.2011 im tip Magazin hierzu ist immer noch aktuell:  www.tip-berlin.de)

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Heike Ruschmeyer, Lalelu16, 2011, Foto: Jan Schüler

Prinzip Kunstblase

Dass eine wichtige Malerin wie Heike Ruschmeyer im System der Gegenwartskunst in eine Randlage gerät, entlarvt nicht nur das Scheitern der Berliner Kulturpolitik sondern auch ein Kunst-System, das zusehends spekulativ, gewinnorientiert und lobbyistisch funktioniert. Ein System, in dem Museen immer weniger (mit-) bestimmen können, welche Kunst für zukünftige Generationen gesammelt, bewahrt, erforscht und  vermittelt wird. Stattdessen hat der Kunstmarkt in Form einer Handvoll global agierender Megagalerien das Ruder in der Hand und immer mehr big collectors – die sich zunehmend von den Kunsthändlern abnabeln  – bespielen  selbstbewusst und finanziell unabhängig ihre eigenen öffentlichen Showrooms oder museal anmutenden Präsentationsstätten und zwar nicht nur selbstlos, sondern auch mit dem Ziel, kommerziell erfolgreich zu sein. Stellvertretend sei noch auf den kürzlich erschienenen bissigen Artikel von Jerry Saltz im Blog des Monopol Magazins verwiesen, indem auf die Rolle der Megagalerien für das Anwachsen der Kunstblase hingewiesen wird. (http://www.monopol-magazin.de/blogs/der-kritiker-jerry-saltz-blog/2013218/Das-Problem-mit-den-Mega-Galerien.html). Für erfolgreiche Künstler in einem solchen Kunst-System bedeutet das im Umkehrschluss, dass sie immer mehr zu Marken und Labels mutieren und publikumsorientiert arbeiten müssen – entweder im Hinblick auf zahlungskräftige Kunstkäufer oder eintrittszahlende Ausstellungsbesucher. Vielleicht mag es so gesehen sogar besser sein, dass den Bildern von Heike Ruschmeyer ein solches Schicksal erspart bleibt.

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Heike Ruschmeyer im Atelier, Foto: Matthias Reichelt

© Manuela Lintl 2013

Weitere Infos:
www.kuenstlerhof-frohnau
wikipedia.Heike_Ruschmeyer
www.heike-arndt.dk

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