14 Fragen an die Berliner Künstlerin Ingrid Göttlicher

Über Grundfragen der menschlichen Existenz und prozesshafte Kunst

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Ausstellungsansicht „Ingrid Göttlicher – ReisePoesie“, Emerson Gallery Berlin 2012, Foto: Matthias Reichelt

Manuela Lintl: Du bist erst relativ spät zur bildenden Kunst gekommen, von der Kostümbildnerei und Metallgestaltung. Kannst du deinen Lebens- und Arbeitsweg kurz skizzieren? Gab es Gründe für die Umbrüche oder hat es sich eher „einfach so ergeben“?
Ingrid Göttlicher: Ich bin nicht in einem künstlerisch geprägten Umfeld aufgewachsen, d.h. den Weg zur bildenden Kunst musste ich mir sozusagen Wegstrecke für Wegstrecke selbst und mit Unterstützung anderer erarbeiten. Dieser Weg führte zunächst auch für etwa 15 Jahre zu einem Familienleben. Die bildende Kunst hat sich während der Arbeit als Kostümbildnerin für Zeitgenössischen Tanz ergeben, die ich von 1988 bis 2004 ausgeübt habe. Schon währenddessen war meine Arbeit meist frei und künstlerisch im Experimentieren mit verschiedenen Materialien und Formen. Eine sogenannte Initialzündung hatte ich 1989, als ich mit Draht und Metallplatten eine erste Arbeit herstellte, ohne den Prozess des „Machens“ bewusst erlebt zu haben. Dieses Erlebnis war sowohl erstaunlich als auch sehr befriedigend. Danach entstanden in den folgenden Jahren frei gestaltete Werke neben der sporadischen Kostümarbeit. Der Entwicklungsprozess zur Künstlerin!
Mit dem bewusst gewählten Umzug im Jahr 2000 nach Berlin begann dann erst das auch nach außen bewusste Agieren als bildende Künstlerin und das „in die Öffentlichkeit gehen“ mit ersten Ausstellungen im Jahr 2002.

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Installation „Findlinge“, Ausstellung „ReisePoesie“, Emerson Gallery Berlin 2012, Foto: Matthias Reichelt

Sind für dich alle Tätigkeiten, die du beruflich ausgeübt hast und ausübst gleichwertig, oder fühlst du dich in erster Linie als Künstlerin? Wo siehst du momentan deinen Lebens- und Arbeitsschwerpunkt?
Ich kann schon sagen, dass ich mich heute als Künstlerin verstehe. Die Umwege und Umbrüche waren notwendige Entwicklungsschritte zu diesem Selbstverständnis und von schönen und schwierigen Phasen geprägt.

Du verreist oft und für lange Zeiträume, vor allem hattest du in den vergangenen Jahren längere Arbeitsaufenthalte in Spanien. Entspricht das einem nomadischen Wesenszug von Dir oder ist es schlichtweg eine arbeitsbedingte Notwendigkeit?
Es gibt ja auch lange, einsame Zeiträume im Studio, da ich oft zeitintensive, langwierige Arbeiten mache. Da ist es für mich absolut notwendig, Pausen einzulegen, Distanz zu gewinnen, zu reflektieren. Spanien ist mir nach einem dreijährigen Aufenthalt von 1997 bis 2000 zu einer zweiten Heimat geworden. Dort halte ich mich vorwiegend in Naturgebieten auf, die mir die Weite und die Stille geben, die ich im Berliner Stadtleben nicht habe. Ein Auftanken sozusagen! Ich kann von einem Teil von mir Abstand nehmen. Das ist sehr erfrischend. Nomadin bin ich wohl auch irgendwie. Ist das nicht der Urzustand der Menschheit?

Was bedeutet für dich Erfolg?
Wenn eine Arbeit „fertig“ ist und ich eine tiefe Zufriedenheit verspüre. Natürlich tut es auch gut, öffentliche Anerkennung zu bekommen.

„Lebt in Berlin“ ist für Künstler derzeit eine Art Label geworden, so wie „Prädikat wertvoll“ oder „angesagt“. Profitierst du vom anhaltenden Berlin-Hype? Wie wirken sich die Veränderungen – Stichwort Gentrifizierung –  für dich als Künstlerin aus, die kurz nach dem Mauerfall hierher kam und derzeit in Mitte wohnt?
Die Arbeit als Kostümbildnerin für Zeitgenössischen Tanz habe ich in Hamburg begonnen. Dort fand auch der Entwicklungsprozess zur bildenden Künstlerin statt. Der sich anschließende dreijährige Aufenthalt in Spanien war eher ein Klärungsprozess. Dort traf ich dann 1999 die Entscheidung, wegen der bis dahin entstandenen „freien“ Kunstwerke nach Deutschland zurückzukehren. Ein Verantwortungsgefühl den Arbeiten gegenüber war entstanden. Als neuer Wohnort kam für mich nur Berlin infrage. Nur dort konnte ich mir das geplante „in die Öffentlichkeit gehen“ vom sogenannten Nullpunkt aus vorstellen. Die Stadt bot mir mit ihrem großen kulturellen Angebot und ihrer Kunstszene einfach die beste Plattform für einen Einstieg. Die Herausforderungen als Quereinsteigerin in der Kunstwelt waren mir dabei bewusst. Profitiert habe ich vom Lernprozess, den mir die Stadt in künstlerischer Hinsicht und mit ihren ständigen Veränderungen geboten hat und immer noch bietet.

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Ingrid Göttlicher, „566 Meter“, 2005, Atelieransicht, Foto: Matthias Reichelt

Oft ist es das Prozesshafte, was mich reizt

In deiner Kunst hast du viel mit Texten gearbeitet, unter anderem mit der „Bibel“ und ein zentrales Werk von dir basiert auf Lao Tse „Tao Tê King“ – ich komme später noch darauf zurück. Bist Du ein religiöser Mensch oder geht es dir künstlerisch eher um eine philosophische Auseinandersetzung mit – ethischen –  Grundfragen der Existenz im Spiegel der Lehren des Christentums oder fernöstlicher Philosophie?
Relativ rasch wurde mir eine inhaltliche Auseinandersetzung meiner Werke wichtiger als das reine Material. So waren Texte einfach ideal. Das konnten auch ganz profane Zeitungstexte sein. Daneben sind mir natürlich die Grundfragen der menschlichen Existenz wichtig. Die jeweiligen Texte haben mich, denke ich, bereit gefunden, mich auf meinem Weg mit ihnen auseinanderzusetzen und sie in meinen Arbeiten zu verwenden. 1996 machte ich eine Reise nach Israel, dem sogenannten „Heiligen Land“. Daraus entwickelten sich z. B. die fünf Bibelarbeiten. Das Hinterfragen der Bedeutung der Zahl Neun stand am Beginn der Arbeit mit den 81 Texten des „Tao Tê King“. Oft ist es das Prozesshafte, was mich reizt.

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Ingrid Göttlicher, „Diario“ (Berliner Zeitung), 2001, Atelieransicht, Foto: Matthias Reichelt

Man sagt: „Nichts ist älter, als die Zeitung von gestern.“ Wenn du in Installationen wie „Zeit“ (2005) eine Jahresausgabe mit 52 Exemplaren der Wochenzeitung „Die Zeit“ oder in „Diario“ (2001) den gesamten Jahrgang der Tageszeitung „Berliner Zeitung“ in akribischen Prozessen transformierst und komprimierst, indem du das Papier verwebst, zusammennähst, faltest oder rollst, schaffst du vergängliche Kunstwerke, die den Versuch, Zeitgeschehen zu konservieren, aussichtslos erscheinen lassen. Welcher Gedanke steht für dich bei diesen Zeitungs-Arbeiten im Vordergrund?
Ist nicht alles vergänglich? Und das ganze Leben ein Versuch? Hier stand zunächst ein ganz anderer Gedanke im Vordergrund: die Zeitungsarbeiten haben mein tägliches Atelierleben strukturiert. Von 2001 bis 2010 entstanden mit Tageszeitungen bzw. Magazinen täglich, wöchentlich oder monatlich jeweils Jahresarbeiten, d.h. neben anderen Werken musste ich somit in dem dadurch vorgegebenen Zeitrhythmus auch diesen Arbeiten gerecht werden. Das Lesen gehörte ebenso zu diesen Arbeiten, wie das anschließende Transformieren und Komprimieren der Texte, wie du es in deiner Frage beschreibst.

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Ingrid Göttlicher, Wandbild „Geschichte“, Detail, Foto: Dominik Ecken

Texte und Textausschnitte aus verschiedenen Büchern sind Gegenstand deiner Wandtexte, die du vor allem in Berlin und Spanien realisiert hast. Für die Arbeit „Geschichte“ (2009) an einer Brandwand im Innenhof des Hauses Schönhauser Allee 55 in Berlin-Prenzlauer Berg hast du die Historie des Hauses und des Bezirks recherchiert und als chronologischen Abriss nahezu flächendeckend in mehreren Wochen mit grauer Farbe auf die Fassade geschrieben. Die Schrifttype ist von dir selbst entwickelt und die Buchstabenschablonen hast du ebenfalls selbst angefertigt. Daneben stehen in roter Schrift Zitate aus Nicole Krauss 2005 erschienenem Roman „Die Geschichte der Liebe“: Fiktion trifft somit auf Realität. Was war der Anlass für diese von der Dimension her wohl größte Textwandarbeit von Dir?
Der Anlass zu diesem Textwandbild war relativ profan: der gesamte Gebäudekomplex Schönhauser Allee 55, in dem sich mein damaliges Atelier befand, wurde von 2007 bis 2009 grundsaniert. Daher wurde ich von dem mit den Arbeiten beauftragten Architekten und vom Bauherrn gefragt, eine Arbeit für die im Hof befindliche Brandwand zu entwickeln, wobei ich jede künstlerische Freiheit hatte. Beide Texte, Fiktion und Realität, haben inhaltlich mit Geschichte zu tun. Es hat mich gereizt, durch diese Gegenüberstellung eine gewisse, für mich, reizvolle Spannung zu erzeugen. Die Textauszüge aus dem Roman „Die Geschichte der Liebe“ von Nicole Krauss wählte ich ganz bewusst aus. Sie ist die Schwester des Bauherrn aus New York City.

Für mich ist das Arbeiten wichtig und nicht der Kunstmarkt

Die monumentale Schriftarbeit „Geschichte“ zeigt deine umfassende und sorgsam ausgeführte Arbeitsweise, die strukturiert und bis in kleinste Einzelheiten durchkomponiert erfolgt. Im Ergebnis sind deine Arbeiten sehr konzentriert und formal meist schnörkellos. Es bedeutet aber auch, dass du nicht „am Fließband“ Kunst produzierst, sondern manchmal nur wenige Werke in einem Jahr. Fällt es da nicht schwer, sich im Kunstmarkt zu positionieren, und willst du das überhaupt?
Schwierige Frage! Natürlich ist es für einen Künstler gut, wenn er seine Position auf dem Kunstmarkt findet. Das erleichtert ja manches! Nach elf Jahren Ausstellungstätigkeit als Quereinsteigerin erwarte ich das für mich aber gar nicht. Und um ganz ehrlich zu sein, war und ist für mich das Arbeiten wichtig und nicht der Kunstmarkt. Neben den zeitlich langwierigen Arbeiten entstehen parallel selbstverständlich auch andere Werke.

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Ingrid Göttlicher, „Geschichte“, 2009, Foto: Dominik Ecken

An wen richtest du dich mit deiner Kunst? Die Wandtexte sind ja einer breiten Öffentlichkeit zugänglich, manche deiner Installationen sind aber nur temporär realisiert worden und verschwinden somit nach einer gewissen Zeit der Präsentation wieder vollends. Spielt das (mögliche) Publikum überhaupt eine Rolle bei deinen Überlegungen zu einem Kunstwerk?
Das (mögliche) Publikum spielt bei der Entstehung eines Werkes insofern eine Rolle, als dass ich mit meinen Arbeiten einen Anstoß geben möchte, sich mit dem Gesehenen auseinanderzusetzen. Das können auch temporäre Werke leisten, indem sie zeitlich begrenzt, auch auf ganz verschiedene Weise, wahrgenommen werden können. Oder auch durch das Medium der Dokumentation.

Ablenkungen bzw. Schnörkel kann ich nur schwer ertragen

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Ingrid Göttlicher, „365 Tage Glück“, Ausstellung „ReisePoesie“, Emerson Gallery Berlin 2012, Foto: Matthias Reichelt

Der Minimalismus in vielen deiner Arbeiten legt den Gedanken nah, dass Leben für Dich auch bedeutet, sich auf das Wesentliche zu beschränken und zu konzentrieren. Oder geht es Dir mehr um die Hervorhebung einer bestimmten Materialität selbst einfachster Stoffe oder Materie wie Gummibänder,  Zeitungspapier, Metalldrähte oder Spielwürfel aus buntem Kunststoff?  
Die Konzentration auf das Wesentliche ist für mich in der Tat essenziell geworden, sowohl im Leben als auch in meiner Arbeit. Ablenkungen bzw. Schnörkel kann ich nur schwer ertragen. Die von mir ausgewählten Materialien bzw. Texte sind wesentlich in ihrer Aussage und Funktion.

Gegensätze sind ein zentraler Aspekt deiner Arbeiten inklusive des Schaffensprozesses. Zum Beispiel der Kontrast von Biegsamkeit und Starre, von strukturierender Ordnung und inhaltlichem Chaos, von Spielerischem und Strengem, von Tiefe und Leichtigkeit. Siehst Du darin eine Widerspiegelung oder Metapher der Gegensätze, die wir als Menschen in der oft konträr empfundenen Wirklichkeit unserer Existenz erfahren oder zu sehen glauben? Oder ist es vielmehr deine Art, die Dinge zu strukturieren?
Ich denke, wenn wir als Mensch unsere innere Widersprüchlichkeit durchleben, bewusst erkennen und vereinen, ist es nicht weit, dies auch nach außen zu bringen. Somit ist es im gewissen Sinne eine Widerspiegelung. Und die Spannung, die dadurch sichtbar bzw. spürbar wird, empfinde ich als sehr reizvoll.

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Ingrid Göttlicher, Atelieransicht, Foto: Matthias Reichelt

In Spanien hast du Zitate aus dem „Don Quijote“ auf Häuserwände geschrieben. Welche Bedeutung hat der „Don Quijote“ für dich? Miguel de Cervantes Buch entstand Anfang des 17. Jahrhunderts und hat seitdem vielfältige Interpretationen erfahren, wurde unter anderem als Parodie auf die Ritterromane seiner Zeit gesehen, als Darstellung eines heroischen Idealismus, als Traktat über die Ausgrenzung des Autors selbst oder als Kritik am spanischen Imperialismus. In der Literaturgeschichte des Abendlandes begründet es die neue Gattung Roman und wurde 2002 von einhundert bekannten Schriftstellern – organisiert vom Osloer Nobelinstitut – zum „besten Buch der Welt“ gewählt. Welcher Aspekt hat dich am meisten interessiert?
Im Jahr 2005 wurden 400 Jahre „Don Quijote“ gefeiert. Der heroische Idealismus, der als Metapher verstandene „Kampf gegen die Windmühlen“, also die Aussichtslosigkeit, die hervorblitzt, aber auch die Zärtlichkeit und Sinnlichkeit haben mich bewegt, mit den Texten in Spanien zu arbeiten. Natürlich ist es für mich auch immer eine Hommage an den Autor, wenn ich mit ausgewählten Texten arbeite.

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Ingrid Göttlicher, Ansicht im Atelier (Projekt LaoTse, Detailansicht, Text 31), Foto: Matthias Reichelt

Die Installation „LaoTse“, begonnen 1996, kann man getrost als Lebenswerk von dir bezeichnen, auf jeden Fall ist es eine zentrale Arbeit in deinem bisherigen Gesamtwerk, vor allem was den zeitlichen Umfang der Fertigung betrifft. Der Text der deutschen Übersetzung der 81 Texte des LaoTse (395-305 v. Chr.) besteht aus rund 34.000 Buchstaben, die du alle einzeln aus federharten Messingdrahtstücken  gebogen hast. Theoretisch könnte man alle Buchstaben als lesbaren Text auf einer dreihundert Quadratmeter großen Fläche auslegen. Eine unvorstellbare Fleißarbeit, die eine gehörige Portion an Planung, Ausdauer und Geduld verlangt. Kann man sich den Arbeitsprozess als eine praktizierte Form der Meditation vorstellen? Und würdest du rückblickend, kurz nach der Vollendung der Installation, eine solche Arbeit wieder in Angriff nehmen? Oder geht das überhaupt nur, wenn man in Unwissenheit an solch ein Mammutprojekt herangeht?
Das Projekt „LT I – LXXXI“ (Tao Tê King) hat sich als Prozess entwickelt, wie ein Kind, das wächst. Zunächst hatte ich gar nicht vor, mit dem kompletten Text zu arbeiten. Dies wurde im Lauf der Arbeit dann eine Notwendigkeit. Die Texte scheinen auf den ersten Blick recht einfach, erweisen sich aber als sehr tiefgründig und schwer verständlich. Ausdauer und Geduld waren somit die Mittel, mich dem anzunähern. Und oft gab es auch zeitliche Unterbrechungen durch andere Projekte usw. 18 Jahre, ja, ein Mammutprojekt!

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Ingrid Göttlicher, Ansicht im Atelier (Projekt LaoTse, Detailansicht, Verpackung), Foto: Matthias Reichelt

© Manuela Lintl 2014

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