»Die Roten Khmer und die Folgen« – Eine Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste

Was bedeutet es, Künstler in einem der ärmsten Länder der Welt zu sein? In einem Land, in dem während der nur dreieinhalbjährigen Schreckensherrschaft der Roten Khmer (1975-79) fast ein Viertel der Bevölkerung umgebracht wurde? Ein Land, das bis in die 1990er Jahre von Besatzung und Bürgerkrieg gezeichnet war, 1993 die ersten freien Wahlen als parlamentarische Wahlmonarchie erlebte und erst 2007 mit der Aufarbeitung vergangenen Unrechts durch einen von den Vereinten Nationen mitgetragenen Kriegsverbrecher-Prozess begann?

Was für eine Kunst kann in einem Land wie Kambodscha entstehen und wie können wir aus Perspektive einer westlichen, demokratischen Industrienation, die eine Massenvernichtung in der NS-Zeit zu verantworten hat, diese Kunst verstehen oder bewerten? Solche Fragen aufzuwerfen, ist sicher nicht primäre Absicht der Macher der aktuellen Ausstellung »Die Roten Khmer und die Folgen. Dokumentation als künstlerische Erinnerungsarbeit« in der Akademie der Künste gewesen. Dennoch werden sie aufgeworfen.

Bereits vor zwei Jahren machte die ifa-Galerie Berlin in der Themenschau »Phnom Penh – Das Verschwinden verhindern« auf die junge Kunstszene Kambodschas aufmerksam. Schon hier wurde deutlich, dass die heutige Künstlergeneration in dem südostasiatischen Königreich am Mekong-Fluss einen wesentlichen Beitrag zur schwierigen Erinnerungsarbeit leistet. Nicht nur das blutige Regime von Pol Pot zur Errichtung einer klassenlosen Agrargesellschaft, sondern auch Kriegsverbrechen der Amerikaner sowie die Folgen von dreißig Jahren Bürgerkrieg werden in der aktuellen Kunst aufgearbeitet. So setzen sich die Künstler mit aktuellen Problemen von Armut und Bildungsnotstand über Landzerstörung, Besitzrechtsstreitigkeiten und Spekulation bis hin zu Korruption auseinander.

Die Ausstellung in der Akademie konzentriert sich auf sechs Positionen überwiegend im Bereich Fotografie und Film als primär dokumentarische Medien. Drei Beiträge stammen von den kambodschanischen Künstlern Rithy Panh (geb. 1964), Khvay Samnang (geb. 1982) und Vandy Rattana (geb. 1980). Sie werden ergänzt durch »Blicke von außen« des deutschen Künstlers Günther Uecker (geb. 1930), des englischen Kriegsfotografen Tim Page (geb. 1944) und durch eine »Doku-Performance« des Theaterregisseurs Ong Keng Sen (geb. 1963) aus Singapur. Hinzu kommt ein sechsstündiges Filmprogramm, das während der Ausstellung im implementierten Kinosaal läuft. Nico Mesterharm, Filmemacher und Leiter des Kulturzentrums Meta House in Phnom Penh, hat hierfür 16 sehenswerte Filme zusammengestellt, die zwischen 2008 und 2014 entstanden sind.

Khvay Samnang zeigt großformatige Fotos und ein Video der Serie »Untitled« von 2011 mit performativen Interventionen. An unterschiedlichen Schauplätzen sieht man den Künstler in Aktion. Er schüttet sich in einer zwar unspektakulären, aber doch hochpolitischen Geste Eimer voll Sand oder Schmutzwasser über den Kopf. Sein symbolischer Protest richtet sich gegen ökologische Zerstörungen und Menschenrechtsverletzungen bei der Baulandgewinnung. Auch Vandy Rattanas Fotografien sind stille Anklagen. Die Serie »Bomb Ponds« (2009) dokumentiert im Stil klassischer Landschaftsfotografie mit Wasser gefüllte Bombentrichter. Was wie idyllische Seen anmutet, sind in Wahrheit Relikte von Bombardements durch die Amerikaner in den 1960er bis 1970er Jahren im Zuge des Vietnamkriegs.

Rithy Panhs Filmbeitrag ist einer der Höhepunkte der Ausstellung und läuft täglich ab 17.25 Uhr. Der anderthalbstündige dokumentarische Filmessay »The Missing Picture« (2013) verbindet auf einzigartige Weise nur in der Erinnerung »dokumentierte« Erlebnisse des Genozids mit authentischen historischen Propagandafilmen der Roten Khmer. Die eigene traumatische Geschichte wird als magisch-reales Puppenspiel aufgeführt. Da es kaum bildliche Zeugnisse der Erlebnisse der Opfer gibt, hat der Bildhauer Sarith Mang für den Film Miniaturfiguren aus bemaltem Ton als Protagonisten erschaffen.

Sieht man den hohen Stellenwert dokumentarischer Praxis in der aktuellen kambodschanischen Kunst, so erscheint die Gegenüberstellung mit Fotos von Tim Page folgerichtig. Page dokumentiert die Entwicklung in Kambodscha seit fünfzig Jahren. Monumental ist sein Foto von einer Wahlveranstaltung 1993 inszeniert. Eine gerade noch jubelnde Menschenansammlung gerät ins Chaos durch starken Wind und aufgewirbelten Sand unter einem startenden UN Hubschrauber mit Prinz Norodom Ranaridth an Bord, Kambodschas erster demokratisch gewählter Ministerpräsident.

Günther Uecker ist ebenfalls mit einer Arbeit von 1993 vertreten. Uecker reiste damals nach Kambodscha, um Tempel und Skulpturen der Khmer zu studieren. Doch dann entstand »Wind der Seelen der Toten, für die Kinder der Khmer«, ein Zyklus von 62 kleinformatigen Tuschzeichnungen, abstrakte Punktmuster, die sich mit übermalten Fotografien von Opfern abwechseln. Die Arbeit entstand als Reaktion auf den Besuch von Gedenkstätten der Roten Khmer und des ehemaligen Foltergefängnisses Tuol Sleng. Im Vergleich zu den in der Ausstellung vorherrschenden Fotos und Filmen wirken die Zeichnungen sehr verhalten und bringen weniger das Gefühl eines schockartigen Begreifens, als vielmehr die darauf folgende Sprachlosigkeit zum Ausdruck.

Bis zum 1.3., Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Halle 3, Tiergarten, Di-So 11-19 Uhr. Eintritt: 5/3 Euro, bis 18 Jahre und Di 15-19 Uhr Eintritt frei, www.adk.de

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/960326.brackwasser-ueber-den-kopf.html

Von Manuela Lintl
31.01.2015 Kultur

© Manuela Lintl 2015

Advertisements
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Ausstellungen, Ausstellungen Berlin, Film, Fotografie, Performance, Videokunst, Weltkunst abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.