Wo wollen wir lernen?

»Klasse Schule. So baut die Welt« – eine Ausstellung in der ifa-Galerie

Waldschule, Berlin Charlottenburg, erbaut 1904-10, Foto: Katalog

Waldschule, Berlin Charlottenburg, erbaut 1904-10, Foto: Katalog

Eine Schule ganz ohne Klassen- und Lehrerzimmer, ist das denkbar? Nicht nur das, es gibt sie bereits: Seit 2003 haben eintausend Schüler im Alter von 16 bis 19 Jahren die Möglichkeit, im Ørestad College in Kopenhagen in hierarchiefrei gestalteten Räumen individuell, selbstorganisiert und eigenverantwortlich zu arbeiten. Eine Schule, erbaut für nur 650 Euro? Auch das ist möglich. 2009 und 2011 wurden für diesen symbolisch anmutenden Betrag die Bauten »Nueva Esperanza« und »Esperanza Dos« einer Grundschule in dem kleinen Fischerdorf Puerto Cabuyal in Ecuador realisiert. Die beiden Schulhütten aus Holz, Bambus und Palmenblättern wurden gemeinsam mit den Dorfbewohnern kostengünstig, nachhaltig und mit Materialien der Umgebung errichtet. Und wer weiß schon, dass es solarbetriebene schwimmende Schulboote in Bangladesch gibt? Ohne sie könnten die Kinder in den Zeiten großer Überschwemmungen oft wochenlang nicht die Schule besuchen. Die Boote sind Schulbus und Schulhaus zugleich.

Zu sehen sind diese so unterschiedlichen Beispiele neuester Schularchitekturen in der Ausstellung »Klasse Schule. So baut die Welt« in der ifa-Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa). Die thematische Schau hat noch viel mehr zu bieten und gleicht einer überraschenden und lehrreichen Entdeckungsreise ins Reich des Möglichen in Sachen »Bauaufgabe Schule«.

Rund zwanzig internationale Beispiele neuester Schularchitektur und etwa halb so viele »historische Meilensteine« aus dem 19. und 20. Jahrhundert werden den Besuchern vor- und zur Diskussion gestellt. Die Ausstellung ist kein bildungspolitisches Statement, macht aber deutlich, dass das Thema Schulbauten weltweit ein gesellschaftlicher Brennpunkt ist. Die Mittel und Wege, um Kindern Bildung zu ermöglichen, sind dabei äußerst vielfältig und experimentell. Bei allen ausgewählten Beispielen entwickelten beteiligte Architekten und Bauherren, idealerweise in Zusammenarbeit mit den Nutzern, ortsangepasste und konzeptorientierte Lösungen.

In Deutschland war das Schulhaus während der Kaiserzeit bis in die Weimarer Republik noch eine vom Nationaldenken bestimmte Bauaufgabe. Schulgebäude glichen Kasernen und sollten Ehrfurcht erwecken und Unterordnung erzielen. Das änderte sich in der Nachkriegszeit. Hans Scharouns 1956-62 erbautes Geschwister-Scholl-Gymnasium in Lünen beispielsweise ist kleinteilig angelegt und verzichtet vollkommen auf eine zentrale, repräsentative Ansicht. In den 1970er Jahren folgten die riesigen Schulmaschinen. Spätestens seit der ersten Pisa-Studie vor über zehn Jahren wurde offenbar: Es existiert kein gesellschaftlicher Grundkonsens über den Bildungsauftrag von Schulen. Andreas Schleicher, Chef der Pisa-Studien in Paris, fasst die Situation in Deutschland wie folgt zusammen: »Wir versuchen, die Schüler des 21. Jahrhunderts zu unterrichten, durch Lehrer, die im 20. Jahrhundert ausgebildet wurden und die in einem Schulsystem arbeiten, das im Wesentlichen aus dem 19. Jahrhundert stammt.«

Solange unklar ist, ob Schulen auf das Leben vorbereiten oder eine schnelle berufliche Eingliederung der Schüler in die Wirtschaft ermöglichen sollen, ob sie Fähigkeiten zum lebenslangen Lernen und Medienkompetenz heranbilden oder nur ein bestimmtes Wissen vermitteln sollen, solange bleibt es diffus, wie sich Schulen in dieser Gesellschaft architektonisch manifestieren, wie Schule auszusehen hat. Modelle wie die Ganztagsschule stellen zudem vielerorts neuartige Anforderungen an Schulbauten, beanspruchen spezielle Raumtypen wie Essensräume, Aufenthaltsräume, Erholungsflächen oder einfach Rückzugsmöglichkeiten. Es gilt zudem, anregende Lernorte zu schaffen, denn der Raum gilt als »dritter Pädagoge« im wechselseitigen Beziehungsgeflecht zwischen Lernenden und Lehrenden. In anderen Gegenden der Welt spielen klimatische Gegebenheiten eine große Rolle. So werden im nigerianischen Lagos schwimmende Schulhäuser entwickelt, um auf Überschwemmungen zu reagieren, die vom globalen Klimawandel verursacht sind.

Die Ausstellung »Klasse Schule. So baut die Welt« ist also hochaktuell. Sie entstand in zweijähriger Zusammenarbeit mit Studenten der Studiengänge Architektur, Stadtplanung, Innenarchitektur und Design der Universität Innsbruck sowie der Stuttgarter Universität und Hochschule für Technik. Die Innsbrucker Studenten recherchierten die Inhalte weltweiter neuer Gebäudekonzepte für Bildung aus dem letzten Jahrzehnt, und die Stuttgarter erarbeiteten das Ausstellungskonzept samt recycelbarer Präsentation.

Fündig wurden die Innsbrucker zunächst überwiegend in Europa, vor allem in der Schweiz, aus dem einfachen Grund, dass dort die Bauprojekte am besten dokumentiert sind. Erst im zweiten Anlauf wurden auch Schulneubauten in Afrika, Asien und Lateinamerika ausfindig gemacht. Eine Leerstelle blieb Osteuropa, nicht weil es dort keine herausragenden Beispiele aktueller Schulbauten gibt, sondern weil die Studenten schlichtweg vergessen haben, danach zu forschen.

Für die Präsentation der Ausstellung dient das deutsche Alphabet als Sortierungsprinzip. Wie in einem überdimensionalen Karteikasten ist fast jedem der 26 Buchstaben ein Kabinett zugeordnet und mit einem Begriff versehen. Die Beschriftungen können assoziativ sein, zum Beispiel »A wie Ameise«, oder auch konkret ausfallen, etwa »P wie Pause«. Vorgestellt und illustrativ inszeniert werden auf diese Weise kleinste Schulbehausungen aus Bambus oder Autoreifen und Stroh bis hin zu hochentwickelten Schulkomplexen als kolossale Konstruktionen aus Stahl, Glas und Beton. Dabei steht nicht der wertende Vergleich im Vordergrund, sondern die Vielfalt des Möglichen und vor allem machbarer individueller Lösungen soll aufgezeigt werden. Und tatsächlich hebt gerade die Vielgestaltigkeit insgesamt die Besonderheiten jeder einzelnen Lösung hervor.

Blick in die Ausstellung, Foto: M. Lintl

Blick in die Ausstellung, Foto: M. Lintl

Bis zum 5. April 2015, ifa-Galerie, Linienstraße 139/140, Mitte. Di-So 14-18 Uhr, Eintritt frei, Katalog 20 €, http://www.ifa.de

© Manuela Lintl 2015

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