„Erwin Wurm – Fichte“ im Kunstmuseum Wolfsburg

Mich wurmt es, wenn ich nur dran denke…
(nach Wilhelm Busch)

Erwin Wurm Curry Bus, 2015 VW T2b, Mixed Media 220 x 250 x 550 cm Courtesy Studio Erwin Wurm Foto: Manuela Lintl © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Presse-Vorbesichtigung der Ausstellung „Erwin Wurm – Fichte“ im Kunstmuseum Wolfsburg, Foto: Manuela Lintl

In der Ausstellung „Erwin Wurm – Fichte“  waren rund 45 Werke des österreichischen Bildhauers im Kunstmuseum Wolfsburg  (22.03.-13.09.2015) zu sehen.

Wenn das Kunstmuseum Wolfsburg die große Halle samt der umliegenden Kabinette von einem Gegenwartskünstler bespielen lässt, wird mit Superlativen nicht gespart. Die schlichte Monumentalität des Ortes mit dem Charme einer Industriehalle mag dazu verleiten, dabei stellt sie doch für jeden hier ausstellenden Künstler eine Herausforderung im größten anzunehmenden Maßstab dar. Und schon manch einer ist an dieser Hürde gescheitert.

Erwin Wurms „Fichte“ betitelte Einzelausstellung wurde vom Hauskurator Björn Egging betreut. Präsentiert werden die Arbeiten des Großen-Österreichischen-Staatspreis-Trägers in wohldosierter und austarierter Anordnung. Neben Skulpturen und Objekten, die überwiegend aus dem Entstehungszeitraum 2002 bis heute stammen, sind auch einige Fotografien und Videoarbeiten zu sehen. Fast die Hälfte der Werke ist eigens für Wolfsburg entstanden. Manch einer merkt man an, dass dabei mit heißer Nadel gestrickt wurde.

Erwin Wurm bei der Presse-Vorbesichtigung im Kunstmuseum Wolfsburg, Foto: Manuela Lintl

Erwin Wurm bei der Presse-Vorbesichtigung im Kunstmuseum Wolfsburg,
Foto: Manuela Lintl

Bei der Pressevorbesichtigung am 19. März herrschte spürbar helle Aufregung und schnell entstand der Eindruck, hier tritt ein sogenannter Künstlerstar auf. Einzelne Teilnehmer ließen sich sogar die Einladungskarte vom anwesenden Erwin Wurm signieren. Der strahlte im Kontrast dazu eine kühle Unnahbarkeit aus, wirkte harsch gelassen und geübt unbeeindruckt ob so viel personenbezogener Aufmerksamkeit: Ganz der souverän auftretende Künstler.

Erwin Wurm

Erwin Wurm bei der Presse-Vorbesichtigung im Kunstmuseum Wolfsburg, Foto: Matthias Reichelt

Seine Führung durch die Ausstellung spickte der Bildhauer mit gut zitierbaren Anekdoten und Bonmots, immer bemüht darum, den Schein des bloß witzigen durch philosophischen Tiefgang zu widerlegen. Denn Erwin Wurm will sich als politisch und philosophisch denkender Mensch und Künstler verstanden wissen. Und er scheut sich nicht, die Credos seines erweiterten Skulpturenbegriffs gebetsmühlenartig zu wiederholen… Etwa die Vielschichtigkeit seiner Skulpturenauffassung, bei der sogar Handlungen, Anweisungen oder Gedanken zu Skulpturen werden können. Oder seine Beschäftigung mit formalen Fragen der Leere, Virtualität und des Volumens. Oder seine philosophischen Überlegungen zur Entlarvung der Weltsicht als eine durch und durch egozentrische, verbunden mit dem Appell, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.

Oder sein Aufzeigen der Lächerlichkeit und Belanglosigkeit der Existenz einschließlich des Leidens als letzter und des Scheiterns als unausweichlicher Konsequenz. Oder sein Begreifen der Realität als instabiles Konstrukt und reine Interpretationssache. Alles alte Hüte also, Äußerungen die in nahezu jeder Ausstellungsbesprechung über Erwin Wurm auftauchen und man ahnt nun auch, warum das so ist.

1954 in Bruck an der Mur geboren als Sohn eines Kriminalbeamten und einer Hausfrau, besuchte Erwin Wurm zum Leidwesen des Vaters 1979 bis 1982 die Hochschule für angewandte Kunst und die Akademie der bildenden Künste in Wien. An die Wiener Universität für Angewandte Kunst kehrte er 2002 bis 2010 als Professor für Bildhauerei/Plastik und Multimedia und inzwischen erfolgreich gewordener Künstler zurück. Der Vater hat den internationalen Durchbruch seines Künstlersohnes nicht mehr erlebt.

Heute listen verschiedene Suchmaschinen zwischen 10.000 und 466.000 Einträge bei Eingabe des Namens Erwin Wurm auf. Seine Homepage ist einfach, fast spartanisch gestaltet und für einen bildenden Künstler ungewöhnlich textlastig angelegt. Doch auch so – oder gerade deshalb wird klar, hier tritt ein ganz Großer nur scheinbar bescheiden auf. Allein die Liste internationaler Museumssammlungen, in denen Wurm mit seinen Werken vertreten ist, lässt viele Berufskollegen mit Sicherheit vor Neid erblassen. Und welcher Künstler schafft es schon, fast dreißig aktuelle Ausstellungen in einem Monat aufzulisten? Oder gleich vier internationale Galeriekontakte anzugeben? Erwin Wurm, so viel steht fest, hat sich als Marke im Kunstbetrieb erfolgreich etabliert und rangiert in einigen Erfolg- bzw. Bekanntheitsgrad- indizierenden Rankings im oberen Bereich: Im jährlich erscheinenden Kunstkompass des Manager Magazins steht Wurm aktuell auf Platz 81, bei ArtFacts.Net sogar auf Platz 16 und bei den Top 30 im Bildhauer Ranking von art REPORT landet er derzeit auf Platz 13. Die Schwankungen basieren auf den unterschiedlichen zugrunde gelegten Messparametern der Rankings und Ruhmesbarometer. In die international am meisten beachtete, jährlich aktualisierte „ranked list of the contemporary artworld’s most powerful figures“ der ArtReview, kurz Power 100, hat Wurm es aber bisher nicht geschafft.

In der Wolfsburger Ausstellung dürfen natürlich die Markensteine der Wurmschen konzeptuellen, partizipativen Skulpturenkunst nicht fehlen: One Minute Sculptures, Staubskulpturen, Pulloverarbeiten, Möbelobjekte, Gurken- und Würstchenfiguren. Wurms Blick auf das alltägliche Leben zumindest in Österreich oder vergleichbaren westlichen Industrienationen wird gemeinhin als ironisch-kritisch und entlarvend eingestuft. Gefallen finden vor allem seine mittels Verfremdung, Ent-funktionalisierung, kombinatorischer Verknüpfung oder schlichtweg Verformung ad absurdum geführten alltäglichen Gegenstände wie Möbel, Häuser, Nahrungsmittel aber auch menschliche (meist kopflosen) Körper.

Erwin Wurm Curry Bus, 2015 VW T2b, Mixed Media 220 x 250 x 550 cm Courtesy Studio Erwin Wurm Foto: Manuela Lintl © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Presse-Vorbesichtigung der Ausstellung „Erwin Wurm – Fichte“ im Kunstmuseum Wolfsburg, Foto: Manuela Lintl

In Wolfsburg wird die Deutungsrichtung des „deformativen Widerstands“ untermauert, unter anderem durch die eigens für die Autostadt entworfene Skulptur „Curry Bus“. Die Pkw-Skulptur steht außerhalb des Museums, als Eyecatcher platziert vor dem Haupteingang. Wurm hat einen knallgelb lackierten, mittels Hartschaum und Styropor aus dem Leim gegangenen VW-Bus von 1975 zu einer banalen Würstchen- und Pommesbude umfunktioniert. In bekannter Manier zitiert er seine sogenannten „Fat-Sculptures“, etwa einen cellulitisch wuchernden knallroten Porsche, in denen (bildungsbürgerliche) Statussymbole im degenerierten Zustand des Übergewichts bloßgestellt werden. Aber böse wirkt das nicht, eher niedlich wie Szenen in einem Animationsfilm oder Comic.

Ausstellungsansicht, Detail der Installation

Presse-Vorbesichtigung der Ausstellung „Erwin Wurm – Fichte“ im Kunstmuseum Wolfsburg, Foto: Manuela Lintl

Unter den neuen Arbeiten für Wolfsburg ragt die titelgebende Raumskulptur „Fichte“ allein größenmäßig hervor. Das Werk entpuppt sich als Ansammlung von etwa 15 ausgewachsenen Nordmanntannen, die als gefällte Baumgruppe kopfüber von der Decke herabhängen. Wer jetzt kleinlich den erhobenen Zeigefinger hebt, um anzumerken, dass die Fichte ein Flachwurzler und die Tanne ein Pfahlwurzler ist und überhaupt beide Nadelhölzer ganz unterschiedlich und auch symbolisch sehr verschieden konnotiert sind, wird eines Besseren belehrt. Alles Absicht und kein Versehen und Erwin Wurm, so heißt es, setzt Verwirrung als kreative Strategie ein. Denkbare Assoziationen seien, den Wald als spießbürgerlichen Erholungsraum, kitschiges Weihnachtsbaumkultur-Reservat oder auch germanischen oder romantischen Mythen- und Märchenträger zu entlarven. Irgendetwas passt schon. Doch was ist mit dem naheliegenden Gedanken, die abgeschlagenen Bäume als Sinnbild des Waldsterbens zu betrachten? Schließlich sind Wälder heute ein global bedrohter Lebensraum aufgrund des Klimawandels und profitgesteuerter Ausbeutung als Rohstoff durch die holzverarbeitenden Industrien. Wenn etwas für die Realität der Waldes in der heutigen Zeit also bestimmend ist, dann seine Bedrohtheit. Für Erwin Wurm scheint das aber kein Thema zu sein.

Erwin Wurm

Pressevorbesichtigung der Ausstellung „Erwin Wurm – Fichte“ , Foto: Matthias Reichelt

Dass jeder Baum an sich ein Kunstwerk, eine einzigartige Skulptur darstellt, haben schon andere Künstler erkannt. Als Motiv und Symbol tauchen Bäume daher immer wieder im Kunstkontext auf, auch echte Baumgewächse. Vergleicht man Wurms Tannenbäume beispielsweise mit Maurizio Cattelans Skulptur „Olivenbaum“ von 1998, wirkt der tote, hängende Tannenwald bei aller Monumentalität nur noch kraftlos und traurig. Cattelan stellte Ende der 1990er Jahre einen betagten Olivenbaum samt Wurzel in einer kubischen Plinthe aus dunkler Erde im Museum aus. Der lebendige, mediterrane Ölbaum fungierte als archaisches, vielschichtiges Symbol u.a. für Wachstum und Fruchtbarkeit. Während die Wurzel in Form eines Würfels das Prinzip der Rationalität veranschaulicht steht der knorrige Baum mit seinen nicht gerade wachsenden, fragilen Ästen für das Unvorhersehbare, für Intuition und Emotion somit die Einzigartigkeit des Individuums. Die Idee der Errichtung eines städtischen Eichenwaldes als soziale Plastik stand 1982 für Joseph Beuys im Vordergrund. Am 16. März pflanzte er den ersten Baum seines documenta 7-Kunstwerks „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ vor dem Museum Fridericianum. Beuys schuf damit eine Raum-Zeit-Skulptur als kollektives Symbol der Hoffnung auf das Überleben und als Beispiel praktischer Gesellschaftsveränderung. Der bühnenbildartig inszenierte „Baumblock“ oder „Denkwald“ von Erwin Wurm nimmt sich im Vergleich dazu eher diffus aus und kommt weder formal noch inhaltlich auf den Punkt.

Erwin Wurm, Blick in die Ausstellung mit

Pressevorbesichtigung der Ausstellung „Erwin Wurm – Fichte“ , Foto: Matthias Reichelt

Bezüge zu anderen Kunstwerken weist auch die zweite große Autoskulptur von Erich Wurm auf, ein älterer Mercedes mit der im Dach eingeschlagenen Figur „Big Psycho 10“. Eine Interpretation lautet, es handele sich um den inszenierten Selbstmord der Skulptur „Big Psycho 10“, die auf 2010/2014 datiert ist. Als Verweis, in dem auch ein echtes Auto vorkommt, sei an das Video „Media Burn“ (1975) des Künstlerkollektivs „Ant Farm“ erinnert. Bei der Aktion „Media Burn“ fuhren am 4. Juli 1975 zwei gepolsterte und mit Helmen geschützte Fahrer mit einem Auto in eine Pyramide von brennenden Fernsehapparaten. Dabei wurde gefilmt. Der Crash wurde aus verschiedenen Perspektiven außen und auch von innen aufgezeichnet. Eine große, aufs Dach montierte Heckflosse barg eine Kamera, die Fahrt wurde im Stil eines Raumfahrtspektakels – wohl in Erinnerung an das Desaster von Apollo 13 – inszeniert. Die gefilmte Aktion symbolisiert das makabre Paradox medialer Inszenierung bei gleichzeitiger Zerstörung der Medien. Wurms inszenierter Crash erinnert darüber hinaus erneut an ein Werk von Cattelan: „La Nona Ora“ aus dem Jahr 1999, jene skandalumwobene, hyperrealistische Figur des Papst Johannes Paul II., der von einem Meteoriten getroffen wird. Die Szene wirkt natürlich drastischer, da es sich hierbei um eine menschliche Figur handelt, die von einem herabgestürzten Festkörper getroffen wird. Cattelans Arbeit ist nicht nur skurril, komisch und provokant, Adjektive die auch gerne in Bezug auf Wurms Arbeiten verwendet werden, sondern enthält einen (religionskritischen) überzeitlichen Kern der Wahrheit (Schicksalsbegriff, Theodizeefrage). Das unterscheidet sie von einer bloß spektakulären Inszenierung wie Wurms Mercedes mit Skulptureneinschlag.

Warum, so kann man sich fragen, sind die Wurmschen Skulpturen nur so beliebt? Ist es vielleicht das Interesse sowohl von Fach- als auch Laienpublikum und auch Sammlern an seinem kokett und witzig daherkommenden, kunsttheoretischen Diskurs um die Erweiterung des Skulpturenbegriffs und grundlegende formale und technische bildhauerische Arbeitsweisen? Oder ist es doch nur die Bedienung der Lust am oberflächlichen Spektakel, Unterhaltung also? Wohl beides stimmt.

Es gelingt Erwin Wurm mit seinen erzählerischen Arbeiten die Lust am Fabulieren im Betrachter zu wecken oder auf diesen zu übertragen. Die seltsamen Figuren und Objekte geben genug von sich Preis, um keine lähmende Angst vor dem Unverständnis zu provozieren. Das Spiel mit dem Erkenntnisgewinn durch Deformation und Ent-Funktionalisierung trifft den Nerv der Zeit. Viele der Skulpturen gleichen dem Kompositum einer rhetorischen Figur, die sich widersprechende Begriffe zusammenstellt: Das Oxymoron ist im sprachlichen Bereich das Pendant dazu. Es begegnet einem beim Durchschreiten der Ausstellung vielfach. Da befällt einen ein angestrengtes Lachen, da manifestiert sich unschuldige Geilheit, da tritt bedeutungsschwangere Leere in Erscheinung, da wirkt die formende Kraft der Zerstörung…

Die Kunst Erwin Wurms ist eine sprechende und somit auch ansprechende. Gewürzt mit einer Prise (bissigem) Humor ist sie leichter verdaulich. Wurm schafft Projektionsflächen, die einfach und oft auch beliebig mit Assoziationen und Bedeutungen gefüllt werden können.

Eine derart weichgespülte, verharmloste Variante politischer Kunst ist natürlich massenpublikumsfreundlich, untergräbt aber ihren eigenen, selbstpostulierten politisch-kritischen oder philosophischen Ansatz. So drängt sich am Schluss die Frage auf: Handelt es sich tatsächlich um deformativen Widerstand oder vielleicht nur um pseudokritische Belanglosigkeit?

Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz1, 38440 Wolfsburg, Di-So 11-18 Uhr, www.kunstmuseum-wolfsburg.de, Künstlerbuch zur Ausstellung, ca. 120 Seiten, 19 Euro

© Manuela Lintl 2015

Weitere Links:

Homepage des Künstlers: http://www.erwinwurm.at/

Dirk Kurbjuweit, 22.07.2013 „Er ärgert sich über den Kunstbetrieb, dem er seinen Wohlstand verdankt…“ http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-104058675.html

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