Boris Lurie Retrospektive im Jüdischen Museum Berlin

Keine Kompromisse! Die Kunst des Boris Lurie

Umfassende Retrospektive des NO!art-Künstlers im Jüdischen Museum Berlin

Boris Lurie, Railroad to America, 1963, Collage auf Leinwand, 37x54 cm, © Boris Lurie Art Foundation, New York

Boris Lurie, Railroad to America, 1963, Collage auf Leinwand, 37×54 cm,
© Boris Lurie Art Foundation, New York

1963 klebte Boris Lurie (1924-2008) auf ein vergilbtes Zeitungsfoto von 1945, das in mehrere Schichten übereinandergelegte, nackte und ausgemergelte Leichen auf der offenen Ladefläche eines Lastautos zeigt, den Fotoausschnitt eines brünetten Pin-up-Girls in Rückenansicht. In erotisch aufgeladener Pose streift sich die junge Frau lasziv das Höschen vom Hintern. Die erste Reaktion auf diese „Railroad to America“ betitelte Collage ist bis heute ungläubiges Entsetzen, Abscheu, Unverständnis. Wer sich dann nicht abwendet und aufgibt, sondern weiter schaut und nachdenkt, reagiert in beabsichtigter Weise. Denn die zynisch gestaltete Collage ist mehr als bloß ein obszöner Tabubruch. Die Drastik der Bildsprache ist vielmehr äußerstes Mittel zum Zweck und nur die Autorenschaft von Lurie als Überlebender des Holocaust legitimiert eine so unerträglich derbe Kombination von einem Pin-up-Girl und dem authentischen Pressefoto aus einem befreiten Konzentrationslager.

Solche fotografischen Belege für den Holocaust, wie sie beispielsweise Fotoreporterinnen wie Lee Miller oder Magaret Bourke-White aufgenommen haben, wurden bereits im Frühjahr 1945 in amerikanischen Magazinen wie Life, Time oder Vogue veröffentlicht. Die „unbeschreiblich grässlichen“ Eindrücke wurden zum Teil jedoch auf fragwürdige Weise dokumentiert und gerieten mitunter zu stilisierten Ikonen der Vernichtung. Reportagen über die Gräuel in den deutschen Arbeits- und Vernichtungslagern waren dann auch noch flankiert von Klatschgeschichten, Modestrecken oder Werbung für Schönheitsmittel. Die eigentliche Obszönität bestand also im Nebeneinander von Shoah, Unterhaltung und Konsum in der Berichterstattung amerikanischer Medien. Lurie demaskiert somit ein oberflächliches, voyeuristisches Interesse an der Aufarbeitung der Erlebnisse von Holocaust-Überlebenden. Für diese besondere Art der Kunst prägte er den provokanten Begriff der „Jew Art“, deren Ziel nicht Sinnstiftung, sondern Konfrontation sei. „Jew Art gründet“, so schreibt Volkhard Knigge in seinem Katalogbeitrag zur umfassenden Retrospektive von Boris Lurie im Jüdischen Museum, in der Erfahrung einer absoluten „Aufkündigung der Grundsolidarität des Menschen mit dem Menschen“. Der Direktor der Gedenkstätte Buchenwald fügt hinzu, dass Jew-Art also gar nicht „interpretiert“ werden will, sondern „sie will, muss ertragen werden.“ Auch deshalb wählte man für die Ausstellung den passenden Titel: “Keine Kompromisse!“

Boris Lurie, No (Red and Black) »Feel-Painting- No with Red«, 1963, Öl auf Leinwand, 56x89 cm, © Boris

Boris Lurie, No (Red and Black)
»Feel-Painting-No with Red«, 1963, Öl auf Leinwand, 56×89 cm,
© Boris Boris Lurie Art Foundation, New York

Lurie kam 1924 als jüngstes von drei Kindern jüdischer Eltern im damaligen Leningrad zur Welt und wuchs in Riga auf. Seine Großmutter, die Mutter, eine Schwester und Luries erste Jugendliebe wurden 1941 bei dem Massaker von Rumbula, in der Nähe von Riga umgebracht. Er selbst wurde zusammen mit seinem Vater 1945 nach einer regelrechten Odyssee durch Ghettos, Arbeits- und Konzentrationslager aus dem Buchenwald-Außenlager bei Magdeburg befreit. Ein Jahr später wanderten beide in die USA aus. Obwohl Lurie in New York nicht wirklich heimisch wurde, blieb er zeitlebens dort (bis auf ein kurzes Intermezzo 1954/55 in Paris) und verstarb 2008 in seiner Wahlheimatstadt nach längerer Krankheit. Außer seiner Kunst hinterließ Lurie, der in den 1960er Jahren begonnen hatte, an der Börse zu spekulieren und Immobilien zu erwerben, ein Millionenerbe in dreistelliger Höhe. Dies erstaunt umso mehr, zumal Lurie selbst niemals Wohlstand zur Schau gestellt hat sondern wie ein Bohemien lebte. Sein nahezu kompletter künstlerischer Nachlass – denn Lurie musste oder wollte kaum eines seiner ca. 3000 Werke je verkaufen – wird seit 2009 von der „Boris Lurie Art Foundation“ verwaltet, die auch die Ausstellung im Jüdischen Museum mit organisiert hat. Inwieweit die Stiftung nicht nur seine fragilen Werke zu erhalten und den Wert seines umfangreichen Nachlasses posthum zu steigern versucht, sondern das Vermögen auch für die Förderung heutiger kritischer Künstler einsetzt, wie Lurie es gewollt hat, bleibt abzuwarten.

Boris Lurie, Untitled (two-sided work), ca. 1940–1955, Öl auf Karton, 103x76 cm, © Boris Lurie Art Foundation, New York

Boris Lurie, Untitled
(two-sided work), ca.
1940–1955, Öl auf
Karton, 103×76 cm, © Boris Lurie Art
Foundation,
New York

Als künstlerischer Autodidakt hatte Boris Lurie seine produktivste Schaffenszeit von den 1950er bis in die 1970er Jahre. Frühe Ölbilder, die erlebte Szenen in Konzentrationslagern wiedergeben, zeigen Einflüsse von El Greco oder Ludwig Meidner. Auch die an Francis Bacon erinnernde Serie fragmentierter Frauenkörper der 1950er Jahre ist noch figurativ gemalt. Dann beginnt Lurie collageartig Bilder und Zeitungsausschnitte zu kombinieren und auch mit Schrift zu übermalen. Die Collagen und Assemblagen bekommen einen zunehmend politischeren Duktus. Zusammen mit seinem kanadischen Künstlerfreund Sam Goodman übernahm er Ende der 1950er Jahre die March Gallery im damals heruntergekommenen Viertel der Lower East Side, in der Kunst unterschiedlichster Stilrichtungen gezeigt wurde. 1959 riefen beide dann zusammen mit Stanley Fisher die NO!art Bewegung ins Leben. Das NO! bedeutet nicht, wie fälschlicherweise Gertrud Koch im Katalogbeitrag behauptet, radikale Verneinung oder gar die Negierung der Kunst. Es steht vielmehr für eine engagierte und kritische Protestkunst, die sich gegen Kunstmarkt, Museumsbetrieb, aktuelle Politik und Gesellschaft richtet. Die Künstler bezogen oftmals kollektiv Stellung zu Themen wie Kalter Krieg, Militarismus, Kolonialismus und Imperialismus. Kunstintern wurde der Siegeszug der etablierten, marktkonformen Kunststile wie Abstrakter Expressionismus und Pop Art als unkritisch abgelehnt.

Blick in die Ausstellungsräume, © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Ives Sucksdorff

Blick in die Ausstellungsräume, © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Ives Sucksdorff

Kurator Helmuth Braun hat die 205 Werke der Retrospektive nicht chronologisch, sondern in dreizehn Kapitel angeordnet. Die Präsentation wirkt an zwei Stellen überinszeniert: Einmal in dem satt orangerot gestrichenen Raum mit frühen Ölbildern und privaten Fotos zum Thema „Familie“ und der vielteiligen „War“ Serie mit Luries intimen Erinnerungsskizzen an die Lagerzeit. Zum anderen im Skulpturenkabinett mit Axt-Skulpturen, Macheten in Beton und einer legendären Shit-Sculpture, ein originalgetreu gestalteter, monströser Haufen von Exkrementen aus dem Jahr 1964, der damals als provokativer Abgesang auf den verlogenen New Yorker Kunstbetrieb entstanden ist. Der kleine Raum ist durch zwei seitliche Spiegelwände optisch erweitert. Jedoch sind die Sockel zu eng gestellt und nicht wie gewohnt als Quader sondern asymmetrisch verzerrt, was die Dynamik der Objekte unnötig steigert.

Medienraum, © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Ives Sucksdorff

Medienraum, © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Ives Sucksdorff

In einem abgedunkelten Medienraum, der wandfüllend mit vergrößerten Porträtfotografien Luries tapeziert ist, sind fünf Dokumentarfilme zu sehen, die zwischen 1996 und 2007 entstanden sind. Man braucht aber mehr als einen Ausstellungsbesuch Zeit, um sich alle Filme anzusehen. Was durchaus lohnenswert ist, denn Boris Lurie ist als Mensch genauso faszinierend wie seine Kunst (er schrieb auch Texte) und Kunst und Leben bilden in seinem Fall eine untrennbare Symbiose. Zudem liefern die Dokumentationen wichtige Informationen zum Verständnis seiner Werke. In diesem Zusammenhang kann man auch auf die noch unveröffentlichten Memoiren gespannt sein, an denen der Künstler in den 1990er Jahren schrieb.

Bereits zu Lebzeiten schieden sich die Geister an Luries Kunst auf extreme Weise. Das blieb nicht folgenlos, auch für die kunsthistorische Rezeption des zeitlebens unabhängig und kompromisslos arbeitenden NO!art-Künstlers. Im Gegensatz zu anderen radikal und politisch arbeitenden Künstlern seiner Zeit, wie zum Beispiel Wolf Vostell oder Jean-Jacques Lebel, suchte man Luries Namen bis vor wenigen Jahren in kunstgeschichtlichen und künstlerbiografischen Standartlexika noch vergeblich. Er war in diesem Sinne kein verkannter, sondern ein vom Kunstmarkt und Museumsbetrieb, den er ja unverblümt und harsch kritisierte, ausgeschlossener, regelrecht boykottierter Künstler. Gemessen an seinem Lebenswerk liest sich die Ausstellungsliste Luries somit eher bescheiden. In Berlin waren seine Werke bereits 1995 und 2004 im kommunal betriebenen Haus am Kleistpark zu sehen sowie ebenfalls 1995 im Rahmen der umfassenden NO!art-Ausstellung im Kreuzberger Kunstverein nGbK.

Dass seit Luries Tod 2008 die „Wiederauferstehung“ seiner authentischen und unangepassten Kunst im Kontext der NO!art-Bewegung fast euphorisch gefeiert wird, mag man als Ironie der Geschichte oder verspätete Anerkennung deuten. Es zeigt aber auch die Perversität eines profitorientierten Kunstmarktes, der jede gewinnversprechende Ware schluckt und zu Geld macht. Die Museen sind nur ein weiteres Rad in diesem Getriebe.

Bis zum 31. Juli 2016, Jüdisches Museum Berlin, Lindenstr. 9-14, Kreuzberg, geöffnet tägl. 10-20 Uhr, montags 10-22 Uhr,  Eintritt 8/3 €, Katalog 29 € (im Buchhandel 36 €), Infos zum Begleitprogramm www.jmberlin.de/lurie

© Manuela Lintl 2016

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