Die große Geschichte der zeitgenössischen Photographie. Von 1960 bis heute

Informativ und streitbar

„Die große Geschichte der zeitgenössischen Photographie.
Von 1960 bis heute“

Yves Klein, Leap into the Void (Saut dans le vide), 1960

Yves Klein, Leap into the Void (Saut dans le vide), 1960, 2015 Artists Rights Society (ARS), New York /
ADAGP, Paris. Photo: Shunk-Kender © J. Paul Getty
Trust. The Getty Research Institute, Los Angeles /
courtesy Schirmer/Mosel

 

Mit einer auf drei Bände angelegten Bestandsaufnahme zur Sammlungsgeschichte der umfangreichen Fotografieabteilung des New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) hat sich Quentin Bajac einiges vorgenommen. Bereits ein Jahr nach seiner Gründung erwarb das MoMA 1930 die erste Fotografie. Zehn Jahre später waren es bereits so viele, dass eine eigene Abteilung eingerichtet wurde und heute besitzt das Haus etwa 25000 Aufnahmen. Der Franzose Bajac hat im Februar 2014 die Leitung der Sammlung als „Joel und Anne Ehrenkranz Chefkurator der Photographie“ übernommen. Zuvor war er im Musée d’Orsay und zuletzt am Centre Pompidou kuratorisch tätig. Nun möchte Bajac sich offenbar mit dem ambitionierten Buchprojekt nicht nur eine bleibende Visitenkarte erstellen, sondern auch seinen eigenen kuratorischen Ansatz theoretisch untermauern. Denn das haben seine ersten Ausstellungen bereits gezeigt: Personenkult oder simple chronologische Epochengeschichten sind nicht sein Ding. „Ich finde chronologische Präsentationen langweilig“ formulierte er etwas provokativ bereits zum Antritt seiner neuen Stelle in einem Interview.

Bajac hat im MoMA naturgemäß eine Abteilung mit starker US-amerikanischen Tradition übernommen, sowohl was die vorhergehenden Kuratoren als auch was die Sammlung inhaltlich betrifft. „Fotografie“, sagte Bajac im selben Interview, „wurde hier immer als US-amerikanisches Medium wahrgenommen.“ Zudem besteht die Sammlung  größtenteils aus dokumentarisch-deskriptiven Bildern. Denn, so erklärt Bajac, „als John Szarkowski [er leitete die Abteilung von den Sechzigern an bis Ende der Achtziger, publizierte u.a. die Kataloge „The Photographer’s Eye“ 1966 und „Looking at Photographs“ 1974 und 1985 startete er die Ausstellungsreihe „New Photography“] die Abteilung leitete, sammelte das MoMA vor allem US-amerikanische Fotografen wie Walker Evans.“  Das möchte Bajac ausgleichen und bei weiteren Ankäufen sollen auch „historische Lücken aus der Zeit der Zwanziger bis Sechziger Jahre“ geschlossen werden. Denn als Europäer schaut er natürlich mit einem anderen Blick und Horizont auf die Fotografiegeschichte. Zwar sind in der MoMA-Sammlung Schlüsselfiguren der modernen europäischen Fotografie wie August Sander, Alexander Rodtschenko oder Man Ray vertreten, allerdings noch zu marginal. So besitze die Sammlung beispielsweise lediglich zwei Arbeiten der Futuristen und auch nur zwei Dada-Fotografien.

Dass Bajac seinen Worten auch Taten folgen lässt, zeigte ein Ankauf im Juni 2015, der das Medieninteresse weckte: Bajac erwarb für die MoMA-Sammlung 619 Fotografien, also ein komplettes Set von August Sanders „Menschen des Zwanzigsten Jahrhunderts“ (1892-1954). Diese umfassende visuelle Untersuchung der deutschen Gesellschaft ist wohl eines der ambitioniertesten Unternehmungen in der Geschichte der Fotografie. Doch auch was die zeitgenössische Fotografie betrifft, klaffen in der MoMA-Sammlung große Lücken. Vor allem in Bezug auf internationale Positionen, wobei nicht nur westeuropäische oder japanische Arbeiten rar sind, sondern auch solche aus Osteuropa, Lateinamerika, Indien oder den afrikanischen Ländern.

Für die Buchreihe „Geschichte der Photographie“ zäumt Bajac das Pferd von hinten auf und beginnt Band eins mit der aktuellsten Epoche, die er 1960 ansetzt und in der Gegenwart enden lässt. Die beiden weiteren Buchbände sollen entsprechend die frühere Historie abdecken.

Wie also präsentiert das Buch die mannigfaltigen Schätze einer der weltweit größten Sammlungen zur Fotografie des 20. Jahrhunderts?

Der erste Buchband wirkt allein vom Layout her und durch seine Gestaltung imposant und edel. Er gliedert sich in acht Kapitel, die jeweils mit silberfarbenen Vorspannseiten optisch hervorgehoben beginnen. Jedes Kapitel wird durch einen kurzen Essay thematisch eingeleitet. Abgebildet sind über 300 Fotografien von rund 250 überwiegend international namhaften Fotografinnen und Fotografen unterschiedlichster Stilrichtungen, Gattungen und Genres. Zugunsten der Masse wurde auf großzügige Formate oder doppelseitige Reproduktionen verzichtet. Durch die dialogischen Gegenüberstellungen geraten allerdings manche Werke schlichtweg zu klein.

Die ersten beiden von insgesamt acht Kapiteln untersuchen den Zeitraum 1960 bis 1980, die übrigen jeweils einen Zeitraum ab 1960 bzw. 1980 bis heute.

Garry Winogrand, Central Park Zoo, New York City, 1967 © The Estate of Garry Winogrand, courtesy Fraenk el Gallery / courtesy Schirmer/Mosel

Garry Winogrand, Central Park Zoo, New York City, 1967 © The Estate of Garry Winogrand, courtesy Fraenk
el Gallery / courtesy Schirmer/Mosel

Kapitel eins über „Neue Dokumente und darüber hinaus“ untersucht die Dokumentarfotografie die nach The Americans (1959) von Robert Frank entstanden ist. Aus der anfänglich im Vordergrund stehenden  Absicht, mittels Fotografie die Wirklichkeit so objektiv wie möglich wiederzugeben – die letztlich aber auch ein unerfülltes Versprechen blieb – rückt mehr und mehr die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten mittels Fotografie in den Vordergrund. Der Begriff des „Authentischen“ wird neu definiert. Es ist zugleich die Zeit, in der sich die Fotografie als Kunstgenre zu etablieren beginnt.

Kapitel zwei untersucht das Phänomen der „Dekonstruktion der Photographie“ durch die Konzeptkünstler. Senior Curator Roxana Marcoci formuliert den einleitenden Text allerdings sehr zahm in Bezug auf Tagespolitik und Gesellschaftskritik. In diesem Kapitel vermisst man natürlich die konzeptuelle Selbstportät-Fotoserie von Roman Opalka.

In Kapitel drei werden „erzählerische Konstrukte“ zwischen authentischen Momentaufnahmen (Schnappschuss) und inszenierter Fotografie untersucht. Die Schwierigkeit der Kategorisierung fotografischer Arbeiten in verschiedene Genres oder Gattungen wird im Essay von David Campany angesprochen, allerdings ohne dass der Autor/Künstler eine überzeugende Lösung des Problems aufzeigen kann.

Danach folgt eine Untersuchung der Rolle der Fotografie im Rahmen von Performances und Aktionskunst. Im Einleitungstext zum Kapitel „Performances für die Kamera“ schreibt Lucy Gallun (Assistant Curator) über die Spannbreite fotografischer Aufnahmen von Performances zwischen Dokumentation und Inszenierung.

Kapitel fünf rückt dann das Verhältnis von „Photographie und Massenmedien“ ins Zentrum. Robert Slifkin, Professor am Kunstinstitut der New York University, betitelt seinen einführenden Essay folgerichtig mit „Realitätscheck“. Was hier fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit dem Problem der Unterteilung in rein künstlerische Fotografie und (nicht künstlerische, da zweckgebundene) Presse-oder Reportagefotografie, denn längst ist die scharfe Trennlinie zu Recht verwischt.

Mikhael Subotzky, Residents, Vaalkoppies, aus der Serie „Beaufort West“. 2006, 2015 Mikhael Subotzky / courtesy Schirmer/Mose l

Mikhael Subotzky,
Residents, Vaalkoppies,
aus der Serie „Beaufort West“. 2006, 2015 Mikhael Subotzky / courtesy Schirmer/Mose
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Im folgenden sechsten Kapitel wird dann die „Revision des Dokuments“ im Zeitraum 1980 bis heute untersucht. Diesmal schreibt Quentin Bajac selbst den einleitenden Text über einen neuen dokumentarischen Stil in der Fotografie und stellt auch seine Begabung, nicht nur gut strukturierte, sondern höchst lebendige und fesselnde Fachtexte zu verfassen unter Beweis. Er lässt viele Fotokünstler durch Zitate dabei selbst zu Wort kommen und zeichnet insgesamt einen überzeugenden Abriss zur wirkungsstarken und immer gesellschaftsbezogenen dokumentarischen Stilgeschichte bis fast in die heutige Gegenwart. Natürlich werden auch hier wieder die Lücken der MoMA-Sammlung spürbar, etwa durch das Fehlen von Aufnahmen Sebastião Salgados.

Kapitel sieben widmet sich dem „Archiv“, zumal die Fotografie naturgemäß das Medium par excellence jedweder Archivierung darstellt und Fotografien zu den gängigsten Archivalien gehören. Die Überschneidungen zu anderen Themenbereichen (Dokumentarfotografie, Konzeptfotografie) sind natürlich vorprogrammiert.

Am Schluss geht es im achten und letzten Kapitel schließlich noch um „Experimentelle Gestaltungen“. Der Kunsthistoriker Noam M. Elcott (Columbia University) stellt in seinem  Essay „Von der Dunkelkammer zum Laptop“ allerdings einige streitbare und nicht immer genügend untermauerte Thesen auf. Dennoch wird deutlich, dass die Entwicklung der Fotokunst alles andere als abgeschlossen ist und sich mit Beginn des Zeitalters digitaler Fototechnik und durch den anhaltenden Trend zur massenhaften Laienfotografie noch nicht absehbare Entwicklungen aufzeigen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Quentin Bajac mit Band eins der Trilogie zur Fotosammlung des MoMA einen genauso informativen wie streitbaren Bildband vorgelegt hat. Die „große Geschichte der zeitgenössischen Photographie“  erfüllt jedoch weniger den Zweck eines historischen Lexikons der Fotografie als vielmehr den Appell zur Auseinandersetzung mit den Facetten der Fotokunst. Zugleich ermuntert das Buch zur Entdeckung der Vielfalt der Fotografie.

Die große Geschichte der zeitgenössischen Photographie ISBN 978-3-8296-0718-6

Die große Geschichte der zeitgenössischen Photographie
ISBN 978-3-8296-0718-6

 

Die große Geschichte der zeitgenössischen Photographie
Von 1960 bis heute
Verlag: Schirmer/Mosel
Herausgeber: MoMa New York, Quentin Bajac
ISBN: 978-3-8296-0718-6
Erscheinungsjahr: 2015
Seiten: 368
Einband: Hardcover

© Manuela Lintl 2016

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