„Thomas Struth – Nature & Politics“

Fotografieausstellung im Martin-Gropius-Bau, Berlin

11. Juni bis 18. September 2016

Eine mächtige Industriewalze für Stahlbleche ruht majestätisch im Bildmittelgrund. Der Koloss aus Metall ist ein beeindruckendes Zeugnis menschlicher Ingenieurskunst des vergangenen Jahrhunderts. Der Raum davor ist leer, ein dunkler Boden aus hitzebeständigen Industrieblechen, rechts akzentuiert durch ein Stillleben aus einem riesigen Metallring mit Kette und ebenso mächtigen Stahlseilen, die in zufälliger Anordnung doch absichtsvoll ausgerichtet sind und den Bildraum zur rechten Seite hin begrenzen. Ein sorgsam ausgerichtetes Spotlicht lenkt den Blick zum Bildzentrum hin, das nicht im mathematischen Mittelpunkt ruht, sondern dynamisch ein wenig rechts davon liegt.

Die großformatige Fotografie einer Warmwalzstraße im Duisburger Stahlwerk ThyssenKrupp, dem größtes Stahlwerk Europas, wirkt nicht wie das Abbild einer hochmodernen Industrieanlage. Vielmehr erscheint die Walzanlage als Relikt vergangener Zeiten. In schummriges Licht getaucht, farblich akzentuiert durch rote Geländer, eine helle Fensterreihe oben links sowie grün erscheinende Metallteile strahlt die menschenleere Anlage erhabene Ruhe und fast sakrale Schönheit aus. Unweigerlich fragt man sich bei Betrachtung der Fotografie, die Thomas Struth, einer der bestbezahlten Fotokünstler der Welt  2010 aufgenommen hat: „Was stimmt nicht in diesem Bild?“ Richtig, es fehlen die Arbeiter, es fehlen Betriebsamkeit und Unruhe des Produktionsvorgangs, bei dem dicke, tonnenschwere Brammen bei Temperaturen über 1000 Grad Celsius zu meterlangen dünnen Stahlbändern gewalzt werden. Das Ganze angetrieben von PS-starken Motoren, digital gesteuert und überwacht, hier offensichtlich und gut erkennbar mit Technologie made by Siemens (das Siemens Kulturprogramm ist ein Sponsor der Ausstellung). Struth überhöht das Motiv und inszeniert das Walzwerk denkmalgleich und nostalgisch. Hier ist alles real, und dennoch wurde kein Detail dem Zufall überlassen. Die malerische Schönheit solcher Industrieanlagen hat Adolph Menzel bereits 1875 im berühmten „Eisenwalzwerk“ dargestellt. Menzel baute auch ein Stillleben im Vordergrund des Bildes ein: eine Gruppe von Arbeitern beim Pausenessen, umtost von Lärm, Hitze und Rauch des weiterlaufenden, martialischen Arbeitsprozesses. Um solche Formen bildkünstlerischer Sozialkritik geht es Thomas Struth jedoch nicht in der „Nature & Politics“ betitelten Werkschau. Nach dem Folkwang Museum Essen zeigt nun der Martin-Gropius-Bau die 38 Fotografien umfassende Ausstellung.

Thomas Struth ist 1954 in Geldern als Sohn der Keramikerin Gisela Struth von Königsdorf und des Bankdirektors Heinrich Struth geboren. Er studierte 1973-1980 an der Düsseldorfer Kunstakademie, zunächst Malerei bei Gerhard Richter und später in der neu gegründeten Fotoklasse von Bernd und Hilla Becher. Die Becher-Schule entwickelte sich zur regelechten Kaderschmiede, aus der unvergleichbar viele, weltweit berühmt gewordene Fotokünstler hervorgegangen sind. Es scheint, als hätten die prominentesten Becher-Eleven, neben Thomas Struth vor allem Andreas Gursky, Candida Höfer und Thomas Ruff, deren Kunstmarktpreise die ihrer Lehrer inzwischen längst überflügelt haben, das Produktions- und Imagefeld künstlerischer Fotografie sorgfältig und marktkonform abgesteckt, jeder spezialisiert auf ein besonderes Themenfeld oder eine technisch einzigartige Handschrift.

Thomas Struth erzielte 2011 mit dem Foto „Alte Pinakothek, Selbstporträt“ (Auflage 10 Exemplare) bei der Versteigerung von Sotheby’s in London noch einen Spitzenpreis von „nur“ 502.000 Euro. 2015 wurde das „Pantheon“, ein weiteres Bild aus der Werkreihe „Museumsbilder“, die Struths Durchbruch markiert, in Berlin aber nicht zu sehen ist, bei Sotheby’s in New York bereits für 1,81 Millionen Dollar versteigert.

Worin genau die Besonderheit der so erfolgreich vermarkteten Bildwelt von Thomas Struth besteht, kann man in der Werkschau erkunden. Struth hat im vergangenen Jahrzehnt weltweit an verschiedenen Orten fotografiert. Er bekam Zutritt zu sonst für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen wissenschaftlich-technischen Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, etwa das Space-Shuttle-Projekt im Kennedy Space Center. Auch künstlich erschaffene, perfekte Nachschöpfungen der Natur wie das Disneyland in Anaheim oder ein Aquarium in Atlanta lichtete er ab und treibt so die Darstellung des rein zur Betrachtung erschaffenen auf die Spitze.

Im IPP Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching und Greifswald fotografierte er Experimente mit dem Tokamak, einem Testreaktor für Fusionsanlagen mit typisch ringförmiger Vakuumkammer. Doch nicht die Funktion, sondern die Erscheinung interessiert den Fotografen. Genauso verhält es sich bei gleich mehreren Motiven, die in Berlin aufgenommen wurden. Eine schwindelerregende OP-Szene wurde in der Charité fotografiert, eine vom Kabelwirrwarr überzogene Messstation befindet sich im Helmholtz-Zentrum und das nagelneue Schaltwerk der Siemens AG kommt geradezu verspielt daher. Singulär sticht ein in Korea aufgenommenes Seestück heraus, das an romantische Bilder Caspar David Friedrichs denken lässt.

Die Fotos faszinieren und ziehen die Betrachter in ihren Bann. Aufkommende Fragen zum Inhalt werden als nebensächlich abgetan, denn es geht nicht darum, die Welt mittels fotografischer Abbildung zu erklären. Vielmehr wird das Rätselhafte in komplexen Schöpfungen, in „komplizierten Strukturen“, die durch ein „Höchstmaß menschlicher Anstrengung“ und „von menschlicher Hand“ entstanden seien, nicht nur akzeptiert, sondern zu einer Prämisse ästhetischer Schönheit erhoben. Wer noch immer denkt, die Fotografie sei das Medium par excellence zur objektiven Abbildung und damit sachlichen Dokumentierung der Wirklichkeit wird hier endgültig ernüchtert. Struth möchte vielmehr mit seiner Kamera das „Epische“ in hochkomplexen Vorgängen der Wissenschaft, Forschung und Entwicklung aufspüren. Wenn er die unhandliche Plattenkamera vor solch „hochspezialisierter Spitzentechnik“ aufstellt und erst nach mehrstündiger Vorbereitungszeit das erste Mal den Auslöser drückt, dann ist sein Ansinnen, ein perfekt komponiertes Foto mit maximal visueller Halbwertszeit zu schaffen und zwar ohne wesentliche Nachbearbeitungen.

Letztlich erweist sich der Titel „Nature & Politics“, der laut Kurator Tobia Bezzola zunächst scherzhaft, ironisch gefallen sei, als unbrauchbar. Er gleicht einem Werbeslogan, mit dem man auf den Trend des „Radical Chic“ aufspringt. Denn, und auch das bezeugt die Schau, Thomas Struth ist vieles, aber kein politischer Künstler.

Die Ausstellung fand statt vom 11. Juni bis 18. September 2016 im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin.
Katalog 28 Euro
www.gropiusbau.de

© Manuela Lintl 2016

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