Aus kontrolliertem Raubbau. Buchbesprechung

Die Mär vom „grünen Kapitalismus“

Kathrin Hartmanns Sachbuch „Aus kontrolliertem Raubbau“ bietet keine leichte Kost an

Aus kontrolliertem Raubbau von Kathrin Hartmann

Aus kontrolliertem Raubbau von Kathrin Hartmann

Am 25. September 2016 wurde Kathrin Hartmann der Siegfried-Pater-Preis verliehen. Der mit 1500 Euro dotierte Preis wurde erstmals vergeben und ist nach dem im Jahr 2014 verstorbenen Journalist, Buchautor und Filmemacher Siegfried Pater benannt. Pater befasste sich mit Themen aus Entwicklungshilfe und –politik und war unter anderem Gründer zahlreicher „Dritte-Welt“-Initiativen. Warum die engagierte Journalistin und Autorin Kathrin Hartmann diesen Preis unbedingt verdient, zeigt auch ihr jüngstes Buch mit dem Titel „Aus kontrolliertem Raubbau-  Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren“.

Schon der Titel des Buches verrät Hartmanns Vorliebe für eine klare, schnörkellos konstatierende Sprache, die die Dinge beim Namen nennt und sich öfter Mal eines sarkastischen Seitenhiebs nicht erwehren kann. Vielleicht wäre es sonst auch nicht auszuhalten, ein Buch über so viele negative Fakten und Zustände zu schreiben, in dem mit einer großen, Mensch und Natur verachtenden Lüge gründlich aufgeräumt wird: Das Märchen vom „grünen Kapitalismus“, der sich selbst gerne als nachhaltig, ressourcenschonend und doch gewinnbringend darstellt.

Deutschland nimmt eine Vorreiterrolle unter den Industrienationen ein, die vom grünen, nachhaltigen und sozialen Wachstum träumen und schwärmen. So soll ein längst überfälliger Status Quo von Konsum und Verschwendung aufrechterhalten werden und zwar einseitig auf Kosten armer Länder. So bläht sich auch hier bei genauerer Betrachtung nichts als eine große, schillernde, transparente Seifenblase auf, die gefüllt ist mit Lug und Betrug. Hartmann nennt das die „große Nachhaltigkeitslüge“, mit deren Hilfe eine Quadratur des Kreises gelingen soll, nämlich der Rohstoffhunger der westlichen Welt soll gestillt und die Klimakatastrophe trotzdem abgemildert werden.

Die auch zukünftig noch gewinnbringenden „grünen Lösungsvorschläge“ der Industrie lauten aus diesem Grund beispielsweise Elektroautos, Biosprit, Aquakulturen oder nachhaltig intensivierte Landwirtschaft. All das wird von Steuergeldern subventioniert, von NGOs und Umweltschutzorganisationen unterstützt und mit selbsterfundenen Nachhaltigkeitszertifikaten und -preisen ausgezeichnet. So sollen Wirtschaftswachstum und überbordender Konsum in einem begrenzten Teil der Welt unbegrenzt steigerbar bleiben, angeblich ohne negative ökologische oder soziale Folgen für die Umwelt und alle Lebewesen der Erde. Alles sei nur eine Frage der Innovation und  Intelligenz. Die Realität sieht aber ganz anders aus.

Was genau der unstillbare Rohstoffhunger des aggressiven „grünen Kapitalismus“ bewirkt, zeigt Kathrin Hartmann anhand von Beispielen aus der Palmölindustrie, der Aquakultur und der Gentechnik auf. Das vierhundert Seiten starke Buch, ausgestattet mit über 40 weiteren Seiten mit Quellenangaben, liest sich leicht und liegt doch schwer im Magen. Kathrin Hartmann ist viel gereist an die Orte, in denen die Rohstoffe und Waren des „grünen Kapitalismus“ produziert werden, um sich die Arbeits- und Produktionsbedingungen in Indonesien, Bangladesch und El Salvador mit eigenen Augen anzusehen und mit den unmittelbar betroffenen Menschen (Kleinbauern, Landlose, Indigene) vor Ort zu sprechen. Und das scheint auch notwendig, denn auf den Internetseiten und in den Hochglanzbroschüren der Konzerne und Oligopole liest sich alles ganz wunderbar, nur haben diese werbewirksamen Visionen gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Ein Kapitel ist dem Werken und Wirken der „Bill & Melinda Gates Foundation“ gewidmet und räumt auch hier mit falschen Mythen auf. Beispielsweise dem PR-strategisch ausgearbeiteten Bild, dass „die Reichen den Armen helfen“. Bill Gates‘ Fokus auf „Charity und Technologie“ enthält aber bei genauerer Betrachtung keinerlei Bekenntnis zu sozialer Gerechtigkeit und nachhaltiger Entwicklung und stellt auch in keiner Form das Wirtschaftssystem in Frage, das Vermögen von unten nach oben verteilt.

Kathrin Hartmanns Fazit lautet daher, dass eine „Änderung der imperialen Lebensweise des Westens unabdingbar“ ist. Das heißt im Klartext ein drastisch niedrigerer Energieverbrauch, eine Abkehr vom Hyperkonsum, vom Verzehr von Fleisch und tierischen Produkten und zwar strukturell und nicht (nur) als individuelle Verhaltensänderung. Das hieße beispielsweise den Einsatz vom krebserregenden und bienentötenden Glyphosat in Breitbandherbiziden wie Monsantos „Roundup“ weltweit gesetzlich zu verbieten. Doch wer sich schon mal gefragt hat, was das für verrückte reiche Leute sind, die ihren erkrankten Körper in flüssigem Stickstoff einfrieren lassen, um ihn zu einem unbekannten späteren Zeitpunkt wieder auftauen zu lassen, sobald die medizinische Forschung und Entwicklung ein Mittel gegen ihre Krankheit gefunden hat*, der ahnt, welche größenwahnsinnigen, irrationalen Kräfte an den Spitzen der aggressiv multinational agierenden Unternehmensmonopole wie zum Beispiel Wilmar, Monsanto, Nestlé, Unilever, Procter&Gamble, Bayer, BASF, Syngenta  oder Coca Cola stehen. Und wenn einem dann Angst und Bange wird, zu Recht. Denn die demokratisch gewählten politischen Spitzen scheinen kaum mehr in der Lage oder gewillt genug, um diesem Treiben Einhalt zu gebieten.

Es braucht nach Kathrin Hartmanns Überzeugung Solidarität, Mut und Entschlossenheit von Vielen, um einer globalen Gerechtigkeit näher zu kommen.  Und der Weg führt nicht vorbei an einer grundlegenden Infragestellung des herrschenden Profit- und Gewinnsystems und der damit verbundenen Eigentums- und Machtverhältnisse.

 

* Kryostase bzw. Kryokonservierung heißt ein Verfahren, in dem man den Körper eines Toten in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad Celsius konserviert, in der Hoffnung, dass der Verstorbene irgendwann wiederbelebt wird. Das Verfahren geht zurück auf den US-Physiker Robert Ettinger.
Bisher ist es allerdings (noch) unmöglich, einen Menschen einzufrieren und dann lebend und gesund wieder aufzutauen.


Kathrin Hartmann
AUS KONTROLLIERTEM RAUBBAU
Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren
Klappenbroschur, 448 Seiten, € 18,99 [D]
ISBN 978-3-89667-532-3

Das Buch gibt es hier: http://www.randomhouse.de/Paperback/Aus-kontrolliertem-Raubbau/Kathrin-Hartmann/e459396.rhd

Weitere Infos zum Siegfried-Pater-Preis finden Sie hier: http://www.retap.info/retap/siegfried-pater-preis.html


Über die Autorin:
Kathrin Hartmann, geboren 1972 in Ulm, studierte in Frankfurt/Main Kunstgeschichte, Philosophie und Skandinavistik. Nach einem Volontariat bei der Frankfurter Rundschau war sie dort Redakteurin für Nachrichten und Politik. Von 2006 bis 2009 arbeitete sie als Redakteurin bei Neon. 2009 erschien bei Blessing Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt, 2012 erregte ihr Buch über die neue Armut – Wir müssen leider draußen bleiben  – großes Aufsehen. Kathrin Hartmann lebt und arbeitet in München.
Kathrin Hartmanns Blog: http://www.ende-der-maerchenstunde.de/
 
Weiterfühende Links:
Bildmaterial von Rettet den Regenwald e.V.:
https://fotos.regenwald.org/

© Manuela Lintl 2016

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