Hilflos statt radikal


Foto: Manuela Lintl

Projekt Matton office, Ton Matton & Björn Ortfeld, „urbane StreuObstWiese“ (2018), Detail                  Foto: Manuela Lintl

Food Revolution 5.0 – Gestaltung für die Gesellschaft von morgen

Eine Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Berlin

Dauer: 18.05.-30.09.2018

Nach dem Auftakt im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt nun das Berliner Kunstgewerbemuseum am Kulturforum die thematische Ausstellung mit dem vielversprechenden Titel „Food Revolution 5.0 – Gestaltung für die Gesellschaft von morgen“. Doch um es gleich vorweg zu nehmen: Die Absicht ist gut, das Resultat jedoch nicht vollends überzeugend:

Claudia Banz zeichnet sich als Kuratorin verantwortlich für die Ausstellung und präsentiert Arbeiten, Konzepte und Visionen von über 30 internationalen Designkünstlern und wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen rund um das Thema Nahrung für den Menschen. Die Arbeiten sind aufgeteilt in die vier Kapitel „Farm“, „Markt“, „Küche“ und „Tisch“ präsentiert. Leider verlieren sich die vielen unterschiedlichen Positionen auf dem weitläufigen und auseinander driftenden Parcours, der sich auf drei Etagen des Kunstgewerbemuseums erstreckt.

Baustelle und "Piazetta" am Kulturforum, Foto: Manuela Lintl

Blick auf das Eingangsareal am Kulturforum mit Baustelle und „Piazetta“, Foto: Manuela Lintl

Den Anfang bildet ein Freiluft-Obstgarten auf dem Außenareal direkt vor dem Museum. Hat man sich erst einmal durch das latente Baustellen-Chaos am Kulturforum bis auf das schräg ansteigende Plateau vorgearbeitet, der sogenannten „Piazetta“, die das unwirtliche Eingangsareal von Gemäldegalerie, Kunstbibliothek und Kunstgewerbemuseum bildet, stößt man zunächst auf den von der Hitze der diesjährigen Sommerdürre etwas mitgenommen wirkenden „Freiluft-Garten“. Der niederländische Stadtplaner und Designer Ton Matton hat im Außenraum eine „urbane Streuobstwiese“ in Form einzeln verteilter junger Obstbäume in Pflanzenkübeln in Kombination mit mobilen Sitzgelegenheiten aufgebaut. Damit an den kleinen Bäumchen auch Äpfel oder Birnen heranreifen können, werden sie wie kranke Patienten durch Infusionen mit giftgrünen Nährlösungen und durchsichtigem Wasser versorgt, bzw. vor dem Austrocknen bewahrt.

Foto: Manuela Lintl

Projekt Matton office, Ton Matton & Björn Ortfeld, „urbane StreuObstWiese“ (2018), Detail Obstbaum am Tropf, Foto: Manuela Lintl

Ihre Blüten wurden einzeln und von menschlicher Hand künstlich mit Pinseln bestäubt. Die auch in Berlin weiter florierende Mode des „Urban“ oder „Guerilla Gardening“ wird darüber hinaus in zwei großen Regalbauten aus Baugerüsten aufgegriffen, auf denen kleine Nutzpflanzen ihre Früchte den Besuchern kostenlos und zur Selbstbedienung anbieten.

Foto: Manuela Lintl

Blick auf den „Freiluftgarten“ vor dem Eingang zum Kunstgewerbemuseum, Foto: Manuela Lintl

Der Warnhinweis „Achtung Videoüberwachung – Ernten erwünscht – Pflanzen klauen nicht!“ zeigt jedoch, dass das Experiment nicht wie gewünscht funktioniert.

 

 

 

Im Museum sind dann zunächst Arbeiten zum Thema des ersten Kapitels „Farm“ versammelt. Der Begriff wird nicht im Sinne  einer nostalgischen Verklärung des Selbstversorgerprinzips Bauernhof aufgefasst, sondern schlichtweg als landwirtschaftlicher Betrieb, was heutzutage gleichzusetzen ist mit industriell betriebener Landwirtschaft. Dahinter verbergen sich wiederum fragwürdige, oft grausame und ressourcenvernichtende Methoden der Massentierhaltung, genmanipulierter Hochleistungszucht sowie des Monokulturanbaus samt massenhaftem Düngemittel- und Pestizideinsatz. Das alles hat nun wirklich gar nichts mehr mit der Idee eines kleinbäuerlichen Landwirtschaftsbetriebes zu tun. Zudem verursacht die aggressive kapitalistische, d.h. allein wachstums- und somit profitorientiert ausgerichtete Form der „industriellen Landwirtschaft“ – der Begriff an sich ist ein einziges Paradox – global betrachtet nicht weniger als ein Drittel der zivilisationsbedingten Treibhausemissionen sowie ganze 70 Prozent des Süßwasserverbrauchs. Und das Schlimmste: Trotz Nahrungsmittel-Überproduktion müssen weltweit Milliarden Menschen hungern. Einer der verantwortlichen Gründe hierfür ist die „Nahrungsmittelspekulation“. Dabei könnten wir nach Angaben der Vereinten Nationen mit der globalen Lebensmittelproduktion schon heute, zumindest theoretisch, zehn Milliarden Menschen versorgen. Angesichts dieser Fakten und Zahlenwerte müssen sich vor allem Bewohnen westlicher Industrienationen, also auch wir in Deutschland, die Frage stellen: Was genau essen wir da eigentlich und mit welcher Konsequenz für Natur und Umwelt? Wie und mit welchen Folgen wurde unsere Nahrung hergestellt? Und ist unser Essverhalten überhaupt noch ethisch vertretbar? Anders gesagt wird deutlich, wie sehr Essen und Nahrungsaufnahme inzwischen selbst zu einem politischen Akt geworden sind. Genau bei diesem Gedanken setzt die Idee zur Ausstellung an. Denn für Kuratorin Claudia Banz fängt die „Food Revolution“ zu Hause an und damit „beim Einkaufen und dem eigenen Herd.“

Blick in die Ausstellung mit Werk von Stewart, Foto: Manuela Lintl

Blick in die Ausstellung mit der Arbeit „Second Livestock“ (2014) von Austin Stewart, Detailansicht, Foto: Manuela Lintl

Die meisten der gezeigten Projekte wirken erstaunlicherweise im Vergleich zur Brisanz des Ausstellungsthemas kein bisschen radikal und manchmal sogar ein wenig hilflos. Der amerikanische Künstler Austin Stewart geht ironisch an das Thema heran und  entwirft in der Arbeit „Second Livestock“ ein Virtual-Reality-Headset für Hühner, die als Schlachtvieh oder Legehennen auf unvorstellbar grausame Art und Weise in Massen gehalten werden. Stewarts Lösung, den leidenden Kreaturen virtuelle Wiesen vorzugaukeln, wirkt zynisch und entlarvt das weit verbreitete Denken, man könnte die meisten gegenwärtigen Probleme durch den geschickten Einsatz neuer Technologien lösen als Farce und Irrweg. Wesentlich pragmatischer und auch tatsächlich umsetzbar ist im Vergleich dazu die Idee des Bienenstock-Teleskops der holländischen Gruppe Bee Collective.  Sie errichteten in Maastricht einen leuchtend gelben, sieben Meter hohen „Sky Hive“, ein stählerner Pfahl, an dessen Ende sich zwei Bienenkästen befinden. Die Idee ist, Bienen gut sichtbar und dennoch in unbedenklicher Distanz mitten in bebaute innerstädtische Räume zu bringen, ganz unabhängig vom Vorhandensein grüner Parks oder Gartenflächen. Das Prinzip wurde bereits mithilfe von Geldern aus einem Crowdfunding erprobt und funktioniert nachweislich.

Blick in die Ausstellung mit Algenreaktor, Foto: Manuela Lintl

Blick in die Ausstellung mit Algenreaktor „Mint Engineering“ , Foto: Manuela Lintl

Trotz der Tatsache, dass global betrachtet latent eine Nahrungsmittelüberproduktion stattfindet, befassen sich viele der gezeigten Projekte damit, alternative Nahrungsmittel und –quellen zu erschließen. Anstatt die Ursachen bestehender Übel anzugehen, versucht man also, „zukunftsorientierte“ Lösungen durch den Einsatz neuartiger Materialien und Technologien zu finden. Dahinter steckt manchmal auch die ganz banale Absicht, neue Profite zu generieren. Man sollte also nicht zu unkritisch auf Projekte wie den zwanzig Liter „Algenreaktor“ schauen. In einer grün leuchtenden Flüssigkeit, die durch ein durchsichtiges Spiralrohr fließt, wachsen lebende Mikroalgen der Sorte „Chlorella vulgaris“. Sie werden angepriesen als „Rohstoffquelle der Zukunft“ voller Eiweiß, Kohlenhydrate und Omega-3-Fettsäuren. Das Exponat einer Firma, die solche Reaktoren auch in viel größeren Maßstäben merkantil herstellt und vertreibt, hätte problemlos in jede kommerzielle Handels- oder Industriemesse gepasst.

Ähnlich verhält es sich mit neuartigen Insektenpräparaten, die gerne und oft auch im Wirtschaftsteil der Medien als „die“ nachhaltige Eiweißquelle der Zukunft gerühmt werden. Um dem Ekelreflex gegenüber jedweder Form krabbelnden Nahrung entgegenzuwirken, der sich in unserem Kulturbereich angesichts von Mehlwürmern oder Heuschrecken reflexartig einstellt, wird an ästhetischen Verschleierungs-Konzepten bei der Zubereitung von Nahrung aus Käfern, Maden, Larven oder Gliedertieren gefeilt.

Küche als Laboratorium

Blick in die Ausstellung in die Abteilung "Küche", Foto: Manuela Lintl

Blick in die Ausstellung in die Abteilung „Küche“ mit dem Bioreaktor „System Synthetics“ (2011) von Maurizio Montalti, Foto: Manuela Lintl

Andrew Forkes & Susana Soares präsentieren unter Glas formschöne und organisch-abstrakte „Insects au Gratin”, graufarbene 3-D-gedruckte Lebensmittelprototypen aus Insektenmehl. Die jungen Designer aus London nutzen die Küche als experimentelles Laboratorium. Carolin Schulzes „Falscher Hase oder Bugs‘ Bunny“ kauert auf einem goldgerahmten Kuchenteller und entpuppt sich ebenfalls als eine in 3-D gedruckte Kreation aus Mehlwurmpaste, die schon längst als neues Superfood gehypt wird. Ein begleitendes Video der Designkünstlerin aus Leipzig zeigt den Herstellungsprozess im Detail, vom Zerkleinern der Insektenlarven im Mixer bis zum formwandelnden 3-D-Ausdruck. Beide Arbeiten befinden sich im Ausstellungskapitel „Küche“ und machen klar, dass die inhaltlichen Grenzen zwischen den Sektionen durchaus fließend sind. So hätte die Fotoserie „Feeding 9 Billion“ von George Steinmetz, die auch in der Sektion „Küche“ gezeigt wird, genauso gut in das Eingangskapitel „Farm“ gepasst. Steinmetz hält lakonisch mit der Kamera internationale Megaorte und -stätten einer pervertierten industrialisierten Landwirtschaft fest. Zum Beispiel die größte Eierfarm Lateinamerikas, „Granja Mantiqueira“ in Brasilien. In dieser vollautomatisierten Legebatterie, die sich zynischerweise „Bauernhof Mantiqueira“ nennt, werden laut Steinmetz pro Tag unvorstellbare 2,7 Millionen Eier von 4 Millionen Hennen „produziert“. Das Prozedere hält das Federvieh nicht mal zwei Jahre durch, dann wird es geschlachtet.

Blick in die Ausstellung im Kapitel "Markt", Foto: Manuela Lintl

Blick in die Ausstellung im Kapitel „Markt“ mit einem Ausschnitt aus der Fotoserie „Food“ (2012) von Henk Wildschut, Foto: Manuela Lintl

Die erhoffte Aufklärung über die wirkmächtigen Zusammenhänge zwischen Finanzwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie klingt im Kapitel „Markt“ an. Doch fehlen an dieser Stelle wichtige Grundsatzinformationen. Zum Beispiel sollte man wissen, dass in den vergangen 50 Jahren allein die Anbaufläche von Zuckerrohr, Soja, Palmöl und Raps um über 100 Millionen Hektar, was nahezu der Agrarfläche der Europäischen Union entspricht, weltweit angestiegen ist. Diese immense Fläche steht nicht mehr für die Produktion von Grundnahrungsmitteln zur Verfügung. Vor diesem Hintergrund sind auch wissenschaftliche Forschungsprojekte zum sogenannten „Skyfarming“ zu hinterfragen wie beispielsweise der Prototyp einer „Indoor Farm“, entwickelt vom Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheit- und Energietechnik. In einem mehrstöckig angeordneten Regalsystem wachsen Salatpflanzen ganz ohne Erde in einem mit Düngelösung gefüllten Gerüst aus Aluminiumstreben (ein sogenanntes hydroponisches System) unter lilafarbener Beleuchtung. Die Anbaufläche kann durch die vertikale Anordnung bis zu zehnmal vergrößert werden. Doch das würde im Prinzip gar nichts daran ändern, dass weiterhin enorme Flächenanteile mit Pflanzen bebaut werden, die als Biosprit enden.

Noch bis zur Finanzkrise 2008 waren die Themen „Land“ und „direkte Produktion von Agrargütern“ für die Finanzwelt noch uninteressant. Erst danach floss immer mehr Kapital in den Bereich der direkten Produktion und Finanzinvestoren begannen, zunehmend Land zu kaufen. Die Folge war eine rasant ansteigende Zahl von spezialisierten Landfonds. Das Investitionsvolumen der Finanzwelt in Land wächst weiter, jährlich etwa um zehn Prozent. Global agierende Landfonds kaufen weltweit Ackerland für Milliardenbeträge auf. Bei den (unwissenden) Anlegern kann es sich dabei auch um Pensionskassen aus Deutschland handeln. Nichtregierungsorganisationen wie „foodwatch“, „Oxfam“ oder „WEED“ weisen darauf hin, dass Spekulationen einen verstärkenden Einfluss auf den Hunger weltweit haben und fordern deshalb eine Reihe von politischen und gesetzgebenden Maßnahmen, um Spekulationsgeschäfte unattraktiver zu machen und den Handel zu entschleunigen.

Hier verlässt man eindeutig die Sphäre der Eigenverantwortlichkeit des einzelnen Konsumenten und die Forderungen richten sich an die Legislative. Denn die Probleme sind vor allem systemisch bedingt und inzwischen so gravierend, dass sie sich nicht mehr allein durch ein geändertes Verhalten einzelner Konsumenten ändern lassen. Die Konsumenten sollten also nicht nur ihr Kauf- und Essverhalten umstellen, sondern durch öffentliche Proteste den Druck auf die Politik verstärken. Die Form- und Denkspiele von Designern und Künstlern können zwar Probleme aufzeigen und Denkanstöße geben, werden aber wohl nicht ausreichen, um eine tatsächliche „Food Revolution 5.0“ zu bewirken.

Öffnungszeiten Sa/So 11-18 Uhr, Di-Fr 10-18 Uhr, Eintritt 8/ermäßigt 4 EUR

https://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/kunstgewerbemuseum/ausstellungen/detail/food-revolution-50.html

 

Weiterführende Informationen:

Zum Thema Nahrungsmittelspekulation:

https://reset.org/knowledge/nahrungsmittelspekulation

Darin heißt es u.a.: „Was sind Nahrungsmittelspekulationen? Von Spekulation spricht man allgemein, wenn in Aktien, Devisen, Wertpapiere usw. allein aus der Erwartung investiert wird, sie später zu einem höheren Preis verkaufen zu können. Entsprechend geht es bei Nahrungsmittelspekulation um Wetten auf Preisänderungen bei Nahrungsmitteln – die wie jede Wette auch daneben gehen können. Spekulation wird zumeist nicht grundsätzlich als negativ bewertet, da sie für Liquidität am Markt sorgt. Auch auf fallende Kurse kann man spekulieren, etwa bei sogenannten Leerverkäufen. Vereinfacht gesagt werden dabei Aktien oder Waren verkauft, die man noch gar nicht besitzt. Der Verkäufer leiht sie sich von Dritten und verkauft sie. Um sie dem Verleiher zurückzugeben, kauft er sie zu einem späteren Zeitpunkt – also bei gefallenem Preis – vom Markt zurück und kann die Differenz behalten.“

https://www.welthungerhilfe.de/ueber-uns/mediathek/whh-artikel/nahrungsmittelpreisstudie-2.html?type=6663&tx_rsmmediathek_fe1%5Baction%5D=singleDownload&cHash=70641a52bd7e904ecb839d41297f4554

https://diefarbedesgeldes.de/fuer-denfreien-markt-sind-arme-und-hungernde-menschen-keine-lukrative-zielgruppe/

Es gibt sie bereits, viele Initiativen für Alternativen zur industrialisierten Landwirtschaft und für eine Agrar- und Ernährungswende:

https://www.wir-haben-es-satt.de/

http://slowfoodyouth.de/

https://provieh.de/

https://www.attac.de/startseite/

https://www.fian.de/wer-wir-sind/visionen-und-ziele/

https://www.solidarische-landwirtschaft.org/startseite/

http://www.gentechnikfreie-regionen.de/

https://www.aktion-agrar.de/

https://www.wwoof.de/

https://www.regenwald.org/

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