Wie pervers ist das denn? Kunstaktion „Schurf“ zum Überkonsum billiger Kleidung und seinen Folgen

Nicht die 24-stündige Kunstaktion „SCHURF“, sondern der Umstand, auf den sie gemeinsam mit der temporären Installation in der sogenannten „BHROX bauhause reuse“ auf der Mittelinsel des Ernst-Reuter-Platzes in Berlin Charlottenburg sinnbildhaft aufmerksam machen will, sind der eigentliche Skandal: Die deutsche Bevölkerung ist Meister im Konsum von Wegwerfmode! Laut einem Beitrag vom Sender NDR wächst der Altkleiderberg hierzulande, also das, was Menschen in Sammelcontainer anstatt in die Mülltonne werfen, jährlich um 1,1 Millionen Tonnen (Stand: 21.9.2020). Es sind ausrangierte aber keineswegs irreparabel kaputte Kleidungsstücke; also intakte gebrauchte Textilien, die lediglich nicht mehr getragen werden wollen, meist aus modischen Erwägungen. Der Begriff Überfluss lässt sich kaum augenfälliger darstellen.

 

Längst hat sich um die Wegwerfmode ein ganzer Industriezweig gebildet, von den klassischen Secondhandläden und Flohmärkten bis hin zu Apps für den privaten Verkauf gebrauchter Kleidung oder den Kleidertausch bis hin zum Finden von Sammelcontainern für Kleiderspenden etc. Das erzeugt natürlich bei den Überkonsumierenden ein Gefühl des guten Gewissens; man produziert ja nicht ununterbrochen Wegwerfmode, sondern bewegt sich in einem Wiederverwertungskreislauf, erfüllt scheinbar sogar noch einen guten Zweck, etwa wenn die Textilien in Kleiderkammern für Bedürftige landen. Doch zum einen tummeln sich hier unseriöse Anbieter, die nicht wirklich karitativ sondern rein gewerblich und somit profitorientiert sammeln und verwerten. Spender/innen können das meist kaum durchschauen, wenn sie ihre Wegwerfklamotten in dem nächstgelegenen Container entsorgen. Zum anderen blendet eine solche Haltung und Sichtweise die katastrophalen und schädlichen Folgen des Überkonsums für produzierende Billiglohnkräfte und für die Umwelt aus.
Der Konsum von Wegwerfmode geht auf Kosten ausgebeuteter Arbeiterinnen (in dem Fall tatsächlich überwiegend Frauen und auch Kinder), der Umwelt (Pestizideinsatz, Mikroplastikrückstände, etc.) und des extremen Energie- und Trinkwasserverbrauchs. Denn „die Modeindustrie ist für ein Fünftel des weltweiten Abwassers verantwortlich und verbraucht mehr Energie als Schiff- und Luftfahrt zusammen. Im Jahr 2050 wird sie voraussichtlich für 25 Prozent des verbleibenden CO2-Budgets der Welt verantwortlich sein.“

Natürlich können Verbraucher/innen selber etwas tun, sich informieren, langlebige, nachhaltige und fair produzierte Kleidung kaufen, den Konsum auf das Notwendige einschränken. Aber das allein wird nicht reichen. Hier muss vielmehr die Gesetzgebung lenkend und regelnd auf die Industrie einwirken, denn die Mär vom sich selbst regulierenden und zum Wohle aller agierenden wachstums- und profitorientierten, ungebremsten Kapitalismus glaubt inzwischen wohl keiner mehr. Etwas ändern kann zum Beispiel eine „gesetzliche und damit einklagbare Pflicht der Textilkonzerne, Verantwortung für ihre Lieferketten zu übernehmen. Dass das geht, hat Frankreich vorgemacht.“ Die EU muss für eine radikale Verlangsamung sorgen und dazu „strenge Maßnahmen einführen, um den übermäßigen Verbrauch in der ‚Fast-Fashion-Industrie‘ zu bekämpfen und die Wiederverwertbarkeit von Textilien zu erhöhen… Andernfalls werde das Ziel, bis 2050 eine emissions- und abfallfreie Wirtschaft zu erreichen, nicht erreicht.“

Schaut man sich die Fotos und Videos der Installation und Langzeitperformance „SCHURF“ an, stellt sich ein beklemmendes, endzeitliches Gefühl ein. Surreal bewegten sich die Figuren bei der Performance in den Altkleiderbergen, probierten Kleidungsstücke an, wühlten, entdeckten und legten sich schließlich auch darin zum Schlafen nieder: „Der Homo Circularis sitzt nackt auf dem Berg aus abgestreifter Kleidung und dient als Metapher für eine Gesellschaft, die sich häutet und nach anderen Ökonomien und Wertesystemen sucht. Konsument:innen und Humanist:innen sind verschütt gegangen unter den Lawinen textiler Zivilisationsgeschichte. Da – ein nackter Fuß, eine Hand. Über 24 Stunden ward im Kleiderberg geschürft, abgestreift und übergezogen, gefaltet, gebügelt in stetem Ritual und Reigen. Dann schliefen wir erschöpft. Eine saß im schwachen Licht der Nähmaschine und vernähte. Diskrepanzen.“ Nicht die passive Hoffnung auf eine schon irgendwie einsetzende Besserung soll hier genährt oder suggeriert werden, sondern vielmehr Empörung und Tatkraft ausgelöst werden, um den unverantwortlichen, geradezu irrwitzigen status quo der Bekleidungsindustrie gemeinsam und aktiv zu ändern – als Konsumierende und politisch.

 


Informationen zum Ausstellungsort:
http://www.bauhaus-reuse.de/

Siehe auch:
http://www.fastfashion-dieausstellung.de/de/

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