Kann Kunst eine Waffe sein?

Die Berliner Galerie „alpha nova & galerie futura“ zeigt derzeit eine Einzelausstellung mit Veranstaltungsreihe der Künstlerin Ina Wudtke. Unter dem Titel „Greif zur Feder“ präsentiert die Berliner Konzeptkünstlerin neue Werke zum Thema Arbeiterschriftsteller*innen.
Mit der Künstlerin Ina Wudtke (IW) sprach Manuela Lintl (ML).

ML: Du beschäftigst dich inhaltlich in der Ausstellung mit dem anspornenden Titel „Greif zur Feder“ mit marxistischen Arbeiterschriftstellerinnen in der Weimarer Republik und der Fortführung dieser oft kollektiv ausgeübten literarischen Tradition in der frühen DDR. Wie bist du auf die Idee dazu gekommen?
IW: Nicht zuletzt durch meine eigene „Entmietung“, also den Verlust meiner Berliner Wohnung 2013 durch eine ungewollte Modernisierung, die meine Miete schlicht verdreifachte. Dadurch habe ich mich sehr intensiv mit der Wohnungsfrage beschäftigt. Ich hörte dann von einem großen Mietstreik in den 1930er Jahren, der bis kurz vor Hitlers Machtergreifung vor allem in Berlin in mehreren Nachbarschaften und großen Mietskasernen stattfand – das einzige Presseorgan, das diesen Streik in Artikeln dokumentierte, war die „Rote Fahne“, die Zeitung der Kommunistischen Partei. Über diese Artikel bin ich dann letztendlich zu Arbeiterschriftstellerinnen gekommen, die ja zum Teil auch für die „Rote Fahne“ geschrieben haben. Die KPD machte damals Aufrufe an alle Arbeiter*innen, Texte über ihre Wohn- und Arbeitsverhältnisse einzureichen. Es kam dabei darauf an, aus einer Perspektive der Einkommensschwachen zu schreiben und zu berichten.

Eine Hauptfigur im Konzept deiner Ausstellung ist Margarete Steffin, die 1908 in Rummelsburg/Berlin zur Welt kam und bereits 1941 in Moskau verstarb. Steffin ist eine lange Zeit in Vergessenheit geratene Ko-Autorin vieler Werke von Bertolt Brecht. Stellt sie für dich eine herausragende Figur unter vielen Arbeiterschriftstellerinnen dar, ist sie also eine Sondererscheinung in der Zeit der Weimarer Republik?
Über Margarete Steffin hat Hartmut Reiber eine wunderbare Biografie verfasst mit dem Titel „Grüß den Brecht“. Reiber hat in den 1970er Jahren als erster Margarete Steffins Kindertheaterstück „Wenn er einen Engel hätt“ auf die Bühne gebracht. In diesem Zusammenhang begann er eine Recherche zu ihrem Leben und konnte noch ihre Schwester und andere Zeitgenossinnen interviewen. Aus diesem Grunde wissen wir heute verhältnismäßig viel über sie. Steffin war sehr begabt und hat schon als Kind geschrieben. Obwohl sie von einem Lehrer ein Stipendium und finanzielle Unterstützung bekam, hat der Vater ihr verboten das Abitur zu machen. Das geschah damals sehr häufig in Arbeiterfamilien, man wollte nicht, dass die Kinder „etwas Besseres“ werden würden und brauchte auch den Zuverdienst. Steffin belegte dann in der Marxistischen Arbeiterschule Neukölln nach Feierabend einen Kurs in Rezitation bei Helene Weigel. Über Weigel lernte sie Bertolt Brecht kennen. 1933 flüchteten die Familie Brecht und Margarete Steffin zusammen nach Dänemark, wo Steffin und Brecht die bedeutendsten Werke der deutschen Exilliteratur kollektiv verfassten. Nach dem Krieg erschienen sie unter Brechts Namen.

Die breite Rezeption Bertolt Brechts in der BRD vernachlässigte weitgehend marxistische Ideen sowie kollektive Produktionsweisen, die seinen Werken zugrunde liegen. Hier gäbe es zumindest die ganz reale Möglichkeit, bei einer Neuauflage der von dir für eine Edition verwendeten Taschenbücher der Brecht-Schriften im Suhrkamp-Verlag, mit dem berühmten Regenbogen-Farbdesign von Willy Fleckhaus, Margarete Steffin wieder ihren berechtigten Platz als Ko-Autorin auf den verschiedenfarbigen Buchcovern einzuräumen. Hast du diesbezüglich Kontakt zum Suhrkamp Verlag aufgenommen?
Meine Arbeit „Vorschlag für eine zukünftige Ausgabe“ besteht aus neun Taschenbüchern mit Covern, auf denen sowohl Brechts als auch Steffins Name genannt sind und zwar im Zusammenhang mit den Titeln, die beide auch kollektiv im dänischen Exil geschrieben haben. Es geht ja bei der Nennung von Steffin als Ko-Autorin im Zusammenhang mit dem Suhrkamp Verlag sicherlich auch um Rechte, das ist also gar nicht so einfach. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit darüber nachzudenken, ob in fünf Jahren, siebzig Jahre nach Brechts Tod, ein guter Moment wäre, die Nennung Margarete Steffins auch auf den Covern umzusetzen.

Ausstellungsansicht: Ina Wudtke: Greif zur Feder", alpha nova & galerie futura, Berlin, Foto: Jens Ziehe
Ausstellungsansicht: Ina Wudtke: Greif zur Feder“, alpha nova & galerie futura, Berlin, Foto: Jens Ziehe

Du arbeitest auch als Musikerin. Das scheint wichtig in Bezug auf dein in der Ausstellung gezeigtes Video „Lied des Schiffsjungen“, dessen derb-witziger Text aus einem Kindertheaterstück von Margarete Steffin aus dem Jahr 1934 stammt. Die Beschaffung der Melodie zum Originaltext über eine Hungerrevolte ist fast ein Krimi. Kannst du beschreiben, wie du an die Noten gekommen bist, die fabelhaft vertont sind von dem Berliner Pianisten Andrej Hermlin und seinem Sohn, dem Sänger David Hermlin?
Es ist tatsächlich schon so, dass man als Künstlerin zum Teil Probleme hat, Material in bestimmten Archiven sichten zu können. Als Künstlerin ist man keine Wissenschaftlerin mit einem Auftrag der Universität. Aber genau das möchten die Archive häufig gerne schriftlich haben, bevor sie einem Zugang zu den Dokumenten gewähren. Ich konnte letztendlich die Melodie des Stückes im Steffinschen Nachlass einsehen, es existierte aber nur eine Melodie für den Gesang. Andrej Hermlin, der ja das „Swingdance Orchestra“ leitet, also eigentlich Jazz spielt, hat sich dann netterweise bereit erklärt, eine Klavierpartitur für das Stück zu schreiben und dann eben auch zusammen mit David Hermlin für mein Video zu performen. Ich wollte unbedingt wissen, wie dieses Stück geklungen haben könnte. Der Text war ja Steffins einziger zu Lebzeiten veröffentlichter. Er erschien 1936 in der sowjetischen Exilzeitschrift „Das Wort“ und war daher sehr wichtig für sie. In der Redaktion der Zeitschrift arbeiteten Willi Bredel, Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht.

Als Konzeptkünstlerin arbeitest du intensiv recherchebasiert und hast für die der Ausstellung den Titel gebenden Videoinstallation „Greif zur Feder“ ein langes Interview mit dem Autor, Lektor und Verleger Gerhard Wolf in Berlin Pankow geführt. Er war ja verheiratet mit Christa Wolf (1929–2011), die in ihrem erster Roman „Geteilter Himmel“ 1963 die Arbeitswelt im Waggonbau Ammendorf bei Halle beschreibt, in der sie und Gerhard Wolf zeitweise als Teil einer Brigade einen „Zirkel schreibender Arbeiterinnen“ betreuten. Der Roman entsprach der Leitlinie der ersten „Bitterfelder Konferenz“ und wurde 1964 erfolgreich durch den Regisseur Konrad Wolf verfilmt. Wie kam der Kontakt für das im Februar 2020 geführte Gespräch mit dem 93-jährigen Gerhard Wolf zustande?
Anne Misselwitz, die für meine beiden Videoarbeiten in der Ausstellung die Kamera geführt hat, kannte Gerhard Wolf noch aus ihren Kindertagen. Ich habe dann einen Brief an ihn geschrieben und wir konnten im Februar 2020 kurz vor der Pandemie das Interviewvideo realisieren. Gerhard Wolf ist mit der Thematik der Arbeiterschriftstellerinnen in der DDR sehr vertraut. Er war damals unter anderem Lektor beim Mitteldeutschen Verlag und von daher auch bei den Bitterfelder Konferenzen anwesend, die ja die Arbeiter*innen in den Mittelpunkt des kulturellen Schaffens stellten. Trotz seines hohen Alters hat Gerhard Wolf ein sehr scharfes Gedächtnis und so war es wirklich ganz toll, dieses Gespräch dokumentieren zu dürfen.

Ausstellungsansicht: Ina Wudtke: Greif zur Feder", alpha nova & galerie futura, Berlin, Foto: Jens Ziehe
Ausstellungsansicht: Ina Wudtke: Greif zur Feder“, alpha nova & galerie futura, Berlin, Foto: Jens Ziehe

Im Gespräch geht es auch um die damaligen über dreihundert Literaturzirkel für Werktätige, die nach der Bitterfelder Konferenz 1959 unter dem Motto „Greif zur Feder Kumpel“ in der DDR aus dem Boden sprossen. Wie beurteilst du die staatlich verordnete Stilvorgabe des „sozialistischen Realismus“ zur Förderung einer proletarischen Arbeiterdichtung aus heutiger Sicht? Du zeigst ja exemplarisch einige DDR-Bücher aus dieser Zeit in deiner Installation.
Interessant ist auf jeden Fall, dass die DDR sozusagen von staatlicher Seite mit dem Auftrag, Bücher über die Arbeitswelt zu schreiben, an die damals jungen DDR-Autorinnen herangetreten war. Diese nahmen das sehr ernst und zogen wie zum Beispiel Brigitte Reimann in Plattenbausiedlungen, die im Aufbau waren, oder in die Nähe von Fabriken, um darüber zu schreiben. Das Schreiben war also mit großer persönlicher Anteilnahme verbunden. Viele Kulturschaffende wurden auch Teil einer Brigade in den Betrieben, wie etwa Christa und Gerhard Wolf. Daraus entstanden Werke, die keine Propagandawerke waren, sondern eine aufrichtige Auseinandersetzung mit der damaligen Wirklichkeit – keiner wusste ja damals, wie der sozialistische Realismus auszusehen hatte, man schrieb einfach, was man selber als Autorin für wahrhaftig hielt. Im Nachhinein zeigte sich, dass das Ergebnis häufig zu Konflikten mit der DDR-Staatsmacht führte. Denn die Beobachtungen der Autorinnen umfassten sowohl Erfolge als auch problematische Dinge, die nicht so gut liefen. Offensichtlich aber wollte die DDR-Staatsmacht diese Probleme weder diskutieren noch gestaltet wissen und reagierte teilweise mit heftigen Maßnahmen, so dass bestimmte Werke zum Teil nur mit gekürzten oder verschlüsselten Passagen erscheinen durften. Autorinnen wurden durch Funktionäre scharf in der Öffentlichkeit kritisiert oder sogar verfolgt und überwacht. Für mich war es wichtig, diese Bücher heute zu lesen, um zu verstehen, warum die DDR 1989 neben dem wirtschaftlichen Aspekt den Rückhalt der Mehrheit der Bevölkerung verloren hat. Es gab praktisch sehr wenig Möglichkeiten, Probleme zu lösen – obwohl die Bücher dieser Zeit die Probleme, die zum Teil auch heute noch aktuell sind, aufzeigen und von verschiedenen Perspektiven beleuchten. Sie sind aus diesem Grunde sehr wertvoll und sollten weiterhin gelesen werden. Dazu will meine Installation „Greif zur Feder“ auch anregen, man kann die Bücher in die Hand nehmen, darin blättern und hineinlesen.

Ausstellungsansicht: Ina Wudtke: Greif zur Feder", alpha nova & galerie futura, Berlin, Foto: Jens Ziehe
Ausstellungsansicht: Ina Wudtke: Greif zur Feder“, alpha nova & galerie futura, Berlin, Foto: Jens Ziehe

Im Begleitprogramm zur Ausstellung geht es auch um heutige Aspekte der Debatte zur kollektiven Autorinnenschaft. Braucht es deiner Meinung nach neue Methoden wie das „gegenhegemoniale Archivieren von konzeptuellen und kollektiven künstlerischen Praktiken“ – anstatt der bisher üblichen Archivierung von Kunstwerken im Rahmen des herrschenden Kanons? Welche Möglichkeiten siehst du hierin für heutige Künstler:innen und ihr Schaffen?
Viele Dokumente der linken Arbeiterinnenbewegung befinden sich in ehemaligen DDR-Archiven, die zum Teil auch privatisiert wurden. Das bedeutet, das sogenannte Aufbau-Ost-Programm transformierte nicht nur die Wirtschaft sondern auch Kultur und Bildung. Am 28. Mai findet im Rahmen meiner Ausstellung dazu eine Onlinediskussion mit dem Titel „Das gegenhegemoniale Archivieren von konzeptuellen und kollektiven Praxen“ mit Annette Mächtel, Elske Rosenfeld und Anna Schäffler statt. Wir plädieren unter anderem für einen neuen Umgang, der den Fokus weg von der Archivierung von ausschließlich originalen Kunstwerken hin zu einer Archivierung von künstlerischen Praktiken und Handlungsprozessen lenkt. Wir denken in diesem Zusammenhang auch laut über Änderungen von bestimmten Gesetzen nach, die den Zugang zu Dokumenten auch für interessierte Nichtwissenschaftlerinnen ermöglichen könnten.

Wie würdest du abschließend die Frage beantworten: Kann Kunst eine Waffe sein?
Als Auftakt der drei Onlineveranstaltungen, die begleitend zur Ausstellung stattfinden, spreche ich am 20. Mai ja über die Streitschrift „Kunst ist Waffe“ von Friedrich Wolf, die 1928 erschienen ist. Wolf war hauptberuflich Arzt und forderte, dass Künstlerinnen sich politisch mit ihrer Kunst einzumischen hätten. Er selber veröffentlichte zu der Zeit auch Theaterstücke gegen den Paragraphen 218, der damals noch hohe Haftstrafen für Abtreibungen vorsah und heute leider immer noch in abgeschwächter Form existiert. Friedrich Wolf hat damit auch in Deutschland so etwas wie eine Bewegung, die als Folge der Oktoberrevolution entstand, befeuert. Während meines Kunststudiums an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg habe ich über antifaschistische linke Kunstbewegungen rein gar nichts erfahren und deswegen freue ich mich jetzt besonders, Erkenntnisse darüber weitergeben zu können. Für mich ist die Maxime, sich als Künstlerin auch politisch einzumischen, immer noch gültig.

Ausstellung: Ina Wudtke, Greif zur Feder, 1. Mai – 11. Juni 2021, alpha nova & galerie futura, Am Flutgraben 3, 12435 Berlin www.galeriefutura.de
Anmeldungen zu den Veranstaltungen unter: mail@alpha-nova-kulturwerkstatt.de

Zur Person:
Ina Wudtke (geb. 1968) ist Konzeptkünstlerin und lebt und arbeitet seit 1998 in Berlin. Ihre recherchebasierte Arbeit hinterfragt hegemoniale politisch-gesellschaftliche Diskurse und stärkt Gegendiskurse zu Themenfeldern wie Arbeit, Gender und Wohnen. Von 1992 bis 2004 gab sie das queer-feministische Künstlerinnenmagazin „NEID“ heraus. 2011 brachte die Künstlerin unter dem Pseudonym T-INA Darling die Konzept LP „The Fine Art of Living“ über die Verdrängung von Einwohnerinnen mit niedrigem Einkommen aus den Innenstädten heraus. 2018 erschien das Buch „The Fine Art of Living“ (Berlin, Archive Books) über ihre künstlerischen Arbeiten zur Wohnungsfrage von 2008-2018.

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