„Jede Unze Kohlenstoff die wir nicht verbrennen, verbessert die Lage.“ Wir müssen den Klimakrieg gewinnen!

Buchrezension Sachbuch

Michael E. Mann:
Propagandaschlacht ums Klima. Wie wir die Anstifter klimapolitischer Untätigkeit besiegen

Zunächst erscheint es ungewöhnlich, dass ein renommierter amerikanischer Wissenschaftler und vielfach ausgezeichneter Klimaforscher wie Michael E. Mann von der Penn State University (USA) im Untertitel seines neuen Buches dazu aufruft, „die Anstifter klimapolitischer Untätigkeit zu besiegen“. Im englischen Originaltitel seiner Schrift spricht er sogar vom „Klimakrieg“, den es zu gewinnen gilt. Doch die Lektüre seines rund 350 Seiten umfassenden plädoyerhaften Berichts zeigt recht schnell, warum das angemessen und vor allem legitim ist und keinesfalls wissenschaftlich unseriös.
Natürlich bezieht sich Mann vor allem auf die Situation in Amerika. Die dort herrschende Propagandaschlacht um das Klima ist zwar nicht ohne weiteres auf den europäischen Raum übertragbar, denn hier beherrschen andere „Kräfte der Untätigkeit“, also Protagonisten der Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Medien aus dem Lager der Klimakrisenleugner die Debatten. Dennoch sind die von Mann untersuchten und offengelegten Strategien der Lobbyisten der fossilen Brennstoffindustrie vergleichbar und bei uns ebenso zu finden. Somit tauchen viele der Diskussionen und Framings der Klimafeinde respektive „Kräfte der Untätigkeit“ zur Ablenkung, Täuschung und Verzögerung auch im deutschsprachigen Raum auf. Denn sie funktionieren leider – zumindest bis jetzt. Und es ist wichtig, sie zu kennen.

So schreibt Mann beispielsweise: „Wenn sich der Klimadiskurs in ein Gezeter über Ernährungs- und Reiseentscheidungen verwandelt und sich um persönliche Reinheit, Bloßstellen von Menschen aufgrund ihres Verhaltens und um Tugendhaftigkeit dreht, werden wir nicht in der Lage sein, mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. Dann (…) werden sich die Interessen der fossilen Brennstoffwirtschaft durchsetzen.“ Er weist darauf hin, dass weniger Fleisch zu essen, oder weniger zu fliegen oder Auto zu fahren und Plastik zu vermeiden zwar sinnvolle Maßnahmen eines jeden Einzelnen sind, der Einfluss des Individuums aber vergleichsweise klein und keineswegs ausreichend ist, um die Klimakrise zu stoppen. Denn Rindfleisch-Essen trägt beispielsweise weltweit etwa nur sechs Prozent zu den globalen Treibhausemissionen bei. Beim Flugverkehr sind es nur drei Prozent. Hingegen gehen 70 Prozent, das sind mehr als zwei Drittel der Kohlendioxidemissionen weltweit, auf das Konto von etwa hundert Unternehmen: Kohle-, Öl-, und Gaskonzernen. Diese mächtigen Hauptverursacher von Umweltverschmutzung könne man nur politisch regulieren, schreibt Mann zu Recht.

Die Auswirkungen der voranschreitenden globalen Klimakrise werden inzwischen fast mit jedem Monat sichtbarer und spürbarer, – und zwar weltweit – wenn auch in unterschiedlicher Intensität. Sie bestätigen wissenschaftliche Forschungen auf diesem Gebiet und können nicht mehr schlichtweg geleugnet werden. Hochwasser, Küstenüberschwemmungen durch den Anstieg des Meeresspiegels, verstärkte Wirbelstürme, Dürren, Hitzewellen und nie dagewesene Waldbrände sind die häufigsten Phänomene, die nicht mehr als Vorboten zu deuten sind sondern zeigen, wir befinden uns mitten in der Klimakrise.


Das merke auch ich, während ich das Buch von Michael E. Mann für diese Rezension lese. In Deutschland haben wir einen sehr langen und zu kalten Frühling hinter uns, auf den Anfang Juni eine erste extreme Hitzewelle folgte mit einer Kette von schweren Unwetterereignissen. Die beiden Vorjahre herrschten zu trockene Sommer mit Extremtemperaturen und Dürre. Inzwischen stimmen wohl auch die allermeisten Europäer zu, dass wir eine Klimakrise haben. Die Frage ist nur, wie schlimm ist es und was kann getan werden? Genau darum geht es Michael E. Mann mit seinem Buch, das informiert und Mut machen will.

Mann schreibt leicht verständlich und bisweilen auch anekdotenhaft und mit Witz über das ernsthafte Thema, das erleichtert die Lektüre natürlich. Seine Kernaussagen wiederholt er mehrfach, wohlweislich um sie bei den Leser*innen zu zementieren. Denn diese sollten nach Lektüre des Buches nicht untätig sein, sondern aktiv bleiben oder werden und sich für den Klimaschutz einsetzen. Die Möglichkeiten hierzu benennt er auch. Somit gibt er nicht nur seine eigene, jahrzehntelange Erfahrung an vorderster Front im Kampf um die Vermittlung der Wissenschaft des Klimawandels und seiner Auswirkungen weiter, sondern liefert den Leser*innen gleich die nötigen Argumente an die Hand, um aufklärerisch aktiv zu werden.

Denn die wichtigste Aussage von Michael E. Mann lautet: es ist höchste Zeit zu handeln, wir dürfen weder verzweifeln noch warten, noch uns ablenken oder spalten lassen von den von der fossilen Brennstoffindustrie inszenierten Scheindebatten noch allein auf neue „grüne“ technologische Lösungen hoffen, um die Klimakrise zu stoppen. Dies erfordert auch einen global gedachten Systemwechsel, der nur politisch erreicht werden kann. Handeln bedeutet Rahmenbedingungen zu ändern auf politischer und wirtschaftlicher Ebene. Beispielsweise durch eine CO2-Abgabe oder -Steuer (Bepreisung und Regulierung), die Abschaffung von Subventionen für fossile Brennstoffe, die Schaffung von Anreizen für saubere/regenerative Energiealternativen und die Abkehr vom Wirtschaftswachstum, das nicht vereinbar ist mit dem Erhalt unserer Ökosysteme. Auch die Umstellung auf ein „grünes Wachstum“ ist keine Lösung. Weitere Forderungen sind eine Abgabe auf Spritz- und Düngemittel (zum Schutz und Erhalt der Böden und der Biodiversität) und auch eine stärkere Besteuerung von Kapital und Vermögen (nicht von Einkommen). Zum einen können die Weichen hierfür in der Politik und Justiz und auch in den Medien gestellt werden, aber erforderlich ist vor allem eine breite Beteiligung von Bürger*innen aus der ganzen Welt, die auch Formen des öffentlichen Protests bis hin zum zivilen Ungehorsam einschließt. Wir müssen uns wehren „mit Wissen, Leidenschaft und einer unnachgiebigen Forderung nach Veränderung“ schreibt Michael E. Mann. Als Beispielhaft kann in diesem Zusammenhang die inzwischen global aktive Klimastreikbewegung „Fridays for Future“ angesehen werden, die von Greta Thunberg ins Leben gerufen wurde. Denn handeln ist besser als zu kapitulieren: „Vergessen Sie nicht, (…) dass es sowohl Dringlichkeit als auch Handlungsfähigkeit gibt. Die Klimakrise ist real. Aber sie ist nicht unlösbar. Und es ist nicht zu spät, um zu handeln. Jede Unze Kohlenstoff die wir nicht verbrennen, verbessert die Lage.“

INFO:
Michael E. Mann, Direktor des Zentrums für Geowissenschaften an der Pennsylvania State University, ist einer der Hauptautoren des 2001 erschienenen dritten Weltklimaberichts. Er forscht zu den Themen Erderwärmung und Naturkatastrophen und gilt er als einer der renommiertesten Klimaexperten der Welt. Bereits im Jahr 1998 machten Mann und Kolleg*innen den Anstieg der globalen Temperaturen in der sogenannten „Hockeyschläger-Kurve“ sichtbar. Die Kurve zeigt eine extreme Häufung warmer Jahre zum Ende des 20. Jahrhunderts. Seitdem geriet der Forscher ins Zentrum einer hochpolitischen Debatte und in den Fokus von Desinformationskampagnen von Kritikern und Interessensvertretern aus der Branche der fossilen Brennstoffindustrie.

Michael E. Mann:
Propagandaschlacht ums Klima. Wie wir die Anstifter klimapolitischer Untätigkeit besiegen, (Originaltitel: The New Climate War: The Fight to Take Back Our Planet), deutsche Übersetzung von Matthias Hüttmann, Tatiana Abarzúa und Herbert Eppel, Hg. Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS), Landesverband Franken e.V.,Verlag Solare Zukunft, Erlangen 2021

ISBN 978-3-933634-48-1, 1. Auflage 2021, 440 Seiten,
D: 29,00 € (AT: 29,80 EUR, CH: 33,80 SFr)

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