News & gute Bücher

Hinweis in eigener Sache:

Die hier aufgeführten Buchtipps sind frei nach dem Motto „Lesen gefährdet die Dummheit und wirkt gegen Politikverdrossenheit“ von mir ausgesucht und werden kurz vorgestellt. Es handelt sich sowohl um gut recherchierte Fachbücher als auch um ebenso gut recherchierte Fiktionalliteratur.

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Buchtipp – Sachbuch

Robert & Edward Skidelsky:

Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens
Aus dem englischen Thomas Pfeiffer und Ursel Schäfer
Antje Kunstmann Verlag, München 2013
319 Seiten

Layout 1Obgleich bereits vier Jahre vergangen sind seit Erscheinen der deutschen Übersetzung des Buches Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens“ ist die Schrift von Robert und Edward Skidelsky, Vater und Sohn, aktueller und lesenswerter denn je. Als Ökonom und Philosoph haben beide gemeinsam ihre Gedanken zum Thema einer „Ökonomie des guten Lebens“ formuliert und damit eine harsche und berechtigte Kritik am herrschenden, unersättlichen Turbokapitalismus formuliert, der mit seinem singulären Ziel des ewigen Wachstums von einer Krise in die nächste schlingert mit immer gravierenderen Folgen für die Gesellschaften, für Mensch, Natur und Umwelt.

In der deutschen Übersetzung ist das Buch auch ohne wissenschaftliche Grundkenntnisse lesbar und verständlich formuliert, richtet sich aber sicherlich eher an ein breites politisch interessiertes oder engagiertes Fachpublikum als tatsächlich an die Allgemeinheit. Die Autoren liefern keine kulturpessimistische Bestandaufnahme, sondern eine fundiert begründete, nüchterne Ursachenforschung mit dem Ziel, politische Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und die Dringlichkeit zum Handeln zu unterstreichen. Mehr oder weniger völlig ausgeklammert wird in der Schrift leider der Aspekt des Kulturbegriffs, der ja gerade in der gegenwärtigen Zeit im Hinblick auf globale Krisen und Konflikte immens an Bedeutung gewonnen hat.

Robert und Edward Skidelsky liefern zahlreiche schlagende Argumente für ihren Appell zum Umdenken und einer Neuausrichtung auf ein ethisch-moralisches Handeln der Menschen auf diesem Planeten in Richtung einer Abkehr vom zerstörerischen Hauptziel eines unbegrenzten Wachstums. Sie räumen mit Mythen und falschen Argumenten des Neoliberalismus auf, zum Beispiel in Sätzen wie diesem: „Bislang ist noch kein Land unter einem Freihandelsregime reich geworden. Die heute reichen Länder sind von einem Ausgangspunkt des Wohlstands in den globalen Markt eingetreten, nicht von einem der Armut.“ Die beiden Autoren formulieren die unbestreitbare Tatsache und Notwendigkeit einer Abkehr vom unbegrenzten Wachstumsstreben jedoch als ethische Wahrheit und nicht als bloße Folgerung aus wissenschaftlichen Fakten.

Historisch blicken die Skidelskys zurück bis in die Zeit der Antike, um frühere Gesellschaften im Hinblick auf ihr Verständnis von einem „guten Leben“ und die Voraussetzungen dafür hin zu untersuchen. Bis in die Ära Milton Keynes konnte man sich noch ein „Genug“ vorstellen. Erst danach wurden die Vorstellungen von Grenzen über Bord geworfen und die Befürworter eines entfesselten Kapitalismus ohne staatliche Reglementierungen konnten sich kein Limit mehr vorstellen oder ein solches auch nur akzeptieren. Hinzu kam ein zusehends uneingeschränkter, egozentrischer Individualismus, dem die Idee eines Gemeinschaftswohls mehr und mehr zuwiderlief. Ein wirklich „gutes Leben“ sieht nach Meinung der  Autoren jedoch ganz anders aus.

Die Skidelskys benennen insgesamt sieben Basisgüter, die jeder Mensch brauche, um glücklich zu sein und gut zu leben. Dazu zählen: Gesundheit, Sicherheit, Respekt, Persönlichkeit, Harmonie mit der Natur, Freundschaft und Muße. Diese Basisgüter kann man also nicht als Ware kaufen. Sie können aber durch bestimmte Arten und Weisen zu leben erlangt werden. Um sie zu erlangen, müssten aber auch die demokratischen Gesellschaften mittels einer entsprechenden Sozialpolitik für eine gerechte Verteilung des Eigentums und der Arbeit sorgen. Die sieben Basisgüter als Grundlage eines guten Lebens für alle Bürger, lassen sich nach Auffassung der Autoren in den reichen Industriestaaten schon jetzt problemlos ohne Wirtschaftswachstum erreichen.

Zu den praktischen sozialpolitisch umsetzbaren Vorschlägen zählen zum Beispiel die Einführung eines Grundeinkommens für alle Bürger in den reichen Staaten (auch um Privateigentum breit zu verteilen), Werbeeinschränkungen zur Drosselung des Konsumwahn, Verringerung der Arbeitszeit um Zeit für Muße zu schaffen für eine aktive Selbstverwirklichung eigener Interessen oder Fähigkeiten.

Wünschenswerter Weise sollte das Buch zur Pflichtlektüre im Grundstudium der Wirtschaftswissenschaft zählen. Ob es bereits auf die neoliberale Ideologie eingeschworene Köpfe zu einem Umdenken bringen kann, ist leider mehr als fraglich.

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Buchtipp – Sachbuch

Silvia Englerts Wörterwerkstatt
Coole Texte schreiben & veröffentlichen
Ein Handbuch für junge Schreibtalente
272 Seiten
Dritte Auflage 2015
ISBN 978-3-86671-125-9
Autorenhaus Verlag, Berlin
www.autorenhaus-verlag.de

Buchcover Silvia EnglertKreatives Schreiben ist nicht nur eine Begabung, sondern auch ein Handwerk. Schreiben kann demnach nicht nur erlernt, sondern auch trainiert, verfeinert und verbessert werden. Dieser Gedanke ist die Grundlage des tollen Buches von Sylvia Englert, die selbst beruflich sehr viele Schreibprofessionen ausübt, von der Autorin und Lektorin bis zur Journalistin.

Silvia Englerts richtet sich mit ihrem locker und keinesfalls trocken geschriebenen Handbuch an Jugendliche, die sich bereits fürs Schreiben interessieren. Das können Schüler sein, die bei einer Schülerzeitung mitmachen oder solche, die in der Freizeit Tagebücher oder selbsterfundene Geschichten oder Gedichte verfassen oder auch junge Leute, die Songtexte für eine Band schreiben.

Doch machen wir uns nichts vor, meist ist Schreiben ein eher einsam praktiziertes und wohl nicht gerade das coolste Hobby. Und darum kann das Handbuch auch dabei helfen, angehende Autorinnen und Autoren zu bestärken, indem es Wege aufzeigt, um aus der Leidenschaft vielleicht einmal eine richtige Profession werden zu lassen. Denn jede/r berühmte/r Romanautor/in, Songschreiber/in oder Drehbuchschreiber/in hat mal als unbekannte/r Textschreiber/in angefangen…

Wer also erfahren will, was eine gute Geschichte ausmacht, was die Genres Krimi, Near-Future Fiction oder Fantasy voneinander unterscheidet, wie man seinen Sprachstil verbessern kann und die eigenen Texte durch Überarbeitung nochmals verbessert, das alles und noch mehr erfährt man in diesem Buch.

Keine Angst, die Informationen sind so portioniert und leicht verständlich geschrieben, dass sie wirklich helfen und die Sache nicht etwa zusätzlich verkomplizieren.

Das Buch liefert viele nützliche und praktische Informationen und Tipps und regt mittels kleiner, manchmal nur kurzer und manchmal auch komplexerer Trainingsaufgaben dazu an, auch mal gleich selbst etwas auszuprobieren oder anzuwenden.

Am Schluss gibt es noch Hilfestellungen für die Veröffentlichung von eigenen Texten, die wichtigsten Schreibberufe werden vorgestellt und ein Anhang listet alle wichtigen Adressen nochmal gut sortiert auf.

 

Linkt zur Homepage von Silvia Englert:
http://www.sylvia-englert.de/meine-buecher/sylvia-englerts-woerterwerkstatt/

 

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Buchtipp – Sachbuch

 

Stella Elaine Urban
Forschungsbetrug in der Medizin
Fakten, Analysen, Präventionsstrategien
236 Seiten
Campus Verlag 2015
www.campus.de

forschungsbetrug-in-der-medizin„Wie kann das sein?“ möchte man oft empört ausrufen bei der Lektüre des 236 Seiten langen Buches von Stella Elaine Urban zum Thema „Forschungsbetrug in der Medizin“. Da wird in der medizinischen Forschung wissentlich gelogen und betrogen, da werden auch hin und wieder Betrügereien ans Licht der Öffentlichkeit gebracht und bleiben dann aber meist folgenlos oder werden nur halbherzig wie Kavalierdelikte behandelt und wenn überhaupt sanktioniert. Das hat mit rechtstaatlichen Praktiken und Umsetzung einer medizinischen Ethik gar nichts mehr zu tun. Eigentlich, so könnte man denken, steht die medizinische Forschung ganz im Dienste des Menschen und soll dazu dienen, Krankheiten besser zu behandeln oder zu heilen. Doch mangelnde Eigenverantwortlichkeit und Kontrolle sowie das Streben einzelner Mediziner nach Anerkennung oder schlichtweg des Geldes wegen verleiten medizinische Forscher offenbar vermehrt zum Betrug.

In den 1990er Jahren gelangte das Thema „Medizinischer Forschungsbetrug“ erstmals in den USA in das öffentliche Bewusstsein. In der Folge wurde dort auch über begünstigende Strukturen und Möglichkeiten der Kontrolle diskutiert um das Problem anzugehen. In Deutschland blieb das Thema noch bis zur Jahrtausendwende unbegreiflicherweise nahezu unbeachtet.

Stella Elaine Urban hat für ihr Buch, das als Doktorarbeit (2013) an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster geschrieben wurde, Betrugsfälle in Deutschland analysiert und wissenschaftsimmanente Faktoren aufgedeckt, die Medizinern Forschungsbetrügereien nicht nur ermöglichen, sondern sie dazu geradezu ermuntern.

Das Buch ist systematisch aufgebaut und beginnt mit einer Reihe von Fallbeispielen, zunächst international und führt dann auch fünf deutsche Fälle von Forschungsbetrug vor. Darunter der 1998 aufgedeckte größte deutsche Forschungsbetrug der Mediziner Friedhelm Herrmann und Marion Brach, die als „das Forscherpaar“ auf dem Gebiet der Krebsforschung galten. Herrmann und Brach haben Daten in über 40 Publikationen „verfälscht oder fabriziert“ und Fördermittel erschlichen. Beide Forscher standen 2000 vor Gericht. Beide Wissenschaftler mussten zwar Gelder zurückzahlen, doch eine weitere strafrechtliche Verfolgung blieb aus. Herrmann praktizierte nach Prozessende weiter als Arzt und behielt auch seinen Professorentitel.

In dem Buch, das auch von Laien gelesen und verstanden werden kann, zeigt die Autorin die unterschiedlichen Formen und auch Ursachen des Betruges auf, benennt ethische Anforderungen an forschende Mediziner sowie strukturelle Faktoren des Systems (Vergabe von Forschungsgeldern, Finanzierung von Studien durch die Pharmaindustrie etc.), in dem die Forscher arbeiten, die ein Fehlverhalten begünstigen. Wie sehr das Streben nach Ruhm, Macht und Geld den Eid des Hippokrates auszuhöhlen vermögen, wird hier ganz offensichtlich.

Das Buch endet mit einem Blick auf Präventionsstrategien, die dazu dienen können, das verloren gegangene Vertrauen in die Medizin wieder herzustellen. Hierzu gehört auch eine verbesserte Kontrolle vor der Veröffentlichung von Forschungsbeiträgen.

Insgesamt ist es ein aufrüttelndes Buch, das dringenden Handlungsbedarf auch seitens der Politik signalisiert. Nicht nur Patienten sollten durch Gesetze wie die derzeit diskutierte Einführung einer Impfplicht oder ähnlichem einseitig in die Pflicht genommen werden. Viel wichtiger erscheint es, für betrügende medizinische Forscher juristische Strafmöglichkeiten zu schaffen und das Instrumentarium zur Aufdeckung von Betrügereien zu verbessern.

Stella Elaine Urbans Buch über Forschungsbetrug in der Medizin sollte eine Pflichtlektüre für alle Medizinstudenten bereits im Grundstudium sein.

 

Weiterführende Informationen:

Vergleich auch Kommentar von René Gräber über das massenhafte Verfälschen von Studiendaten im großen Stil durch Wissenschaftler in Großbritannien, auf seinem Blog von 2012:

http://www.yamedo.de/blog/verfaelschte-studien-schnellere-zulassung-2012/

Bericht im Deutschen Ärzteblatt zu den Ergebnissen einer Studie von 2010, die zeigt, dass von pharmazeutischen Unternehmen finanzierte klinische Studien zu Arzneimitteln häufiger ein günstiges Ergebnis haben für den Wirkstoff des pharmazeutischen Sponsors, als Studien, die unabhängig von Pharmafirmen durchgeführt wurden:

http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/Einfluesse-Arzneimittelstudie-Teil-1_Deutsches-Aerzteblatt_2010-1.pdf

Zum Thema „Wissenschaftszynismus“:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=29103#more-29103

 

 

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Buchtipp – Roman

Johann Holtrop

Abriss der Gesellschaft
Roman von Rainald Goetz
343 S., Suhrkamp 2012
ISBN978-3-518-42281-6
Auch als Taschenbuch und ebook erhältlich

HOLTROP COVER In rasender Geschwindigkeit, grob geschnitzt, quasi wie wild in die Tastatur hineingehackt ist dieser kapitalismuskritische Roman von Rainald Goetz.

Das Ganze gespickt mit lautmalerischen, synästhetischen Worterfindungen, denn die existierende Sprache reicht dem Autor bei weitem nicht aus, um seine Geschichte vom Aufstieg und Fall des Dr. Johann Holtrop zu erzählen oder besser, sie dem Leser um die Ohren zu hauen.

Der Roman ist eine wütende Demaskierung und Abrechnung mit den Protagonisten und Profiteuren des neoliberalen Kapitalismus im „Deutschland der Nullerjahre“.
Der Aufsteiger Dr. Johann Holtrop ist Vorstandsvorsitzender einer fiktionalen Assperg Medien AG frei nach dem Vorbild des realen Bertelsmann-Konzerns. Holtrop befindet sich mit 48 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere: „Herr über 80.000 Mitarbeiter weltweit und eine Bilanzsumme von 20 Milliarden DM in 1999, von 15 Milliarden Euro im Jahr 2000.“
Was dann kommt ist der Abstieg bis in den Untergang, persönlich und beruflich, mitleidslos kolportiert, denn Holtrop ist einer, der selbst Leichen im Keller hat. Er ist einer, der denkt, er könne von der „strukturellen Kaputtheit des Systems der Verachtung“ profitieren, schließlich aber selbst daran kaputt geht.
Die Kritik hat den Roman überwiegend nicht gut aufgenommen. Mir gefällt am besten die Rezension von Christine Käppler im Freitag:
https://www.freitag.de/autoren/christine-kaeppeler/in-die-welt-hinaus-gedonnert-rainald-goetz

Rainald Maria Goetz  (*1954 in München) ist promovierter Historiker und Mediziner. 1983 erschien sein erster Psychiatrie-Roman Irre. 1988 erschien die RAF-Geschichte Kontrolliert , 1998 die Drogen- und Cluberzählung Rave
Im Sommersemester 2012 unterhielt er die Heiner-Müller-Gastprofessur an der FU Berlin. Sein Schreibseminar endete im Streit, da er Noten verweigerte. Rainald Goetz lebt in Berlin.

 

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Buchtipp – Sachbuch

Die Kinder Krank Macher
Zwischen Leistungsdruck und Perfektion – Das Geschäft mit unseren Kindern

Autorinnen: Beate Frenkel und Astrid Randerath
Verlag: Herder Verlag (2015)
ISBN: 9783451311987

Cover KinderKrankMacher2015Die beiden renommierten und engagierten Journalistinnen widmen sich im Buch dem Beziehungsgeflecht Pharmaindustrie/Medizin und Kindheit in unserer heutigen, auf gnadenloser Selektion aufbauenden Wissens- und Wettbewerbsgesellschaft. Sie zeigen und belegen, wie  systematisch aus zukunftstragenden Kindern kranke Querulanten gemacht werden, die entweder zu laut oder zu still, zu zappelig, zu traurig, zu wütend, zu unangepasst oder einfach nur zu klein sind. Und geholfen werden kann ihnen ganz einfach mit Medikamenten. Der vorausgegangene Leidensweg von gestressten und überforderten Eltern und Erziehern/Lehrern ähnelt sich zumeist. Am Ende landen die Kinder beim Arzt und bekommen ein Medikament verschrieben, das Abhilfe beim jeweiligen Problem schaffen soll und die „Außenseiter“ wieder sozialtauglich und voll funktionstüchtig „auf Linie“ bringen soll. Man könnte das ganze auch als sozialdarwinistische Profiterzeugung bezeichnen, denn das (Milliarden-) Geschäft mit der Medikamention von Kindern floriert. Dazu werden zum Beispiel Ärzte von der Pharmainsustrie umworben (z.B. durch Geschenke, Anwendungsbeobachtungen, gesponserte Kongresse, Essenseinladungen) oder da wird trickreich zwar legal aber illegitim als Aufklärung verschleierte Werbung verbreitet.

Besonders bedenklich ist, dass nach dem Boom der AD(H)S-Präparate nun auch neue Medikamente, zum Beispiel Neuroleptika für neue Diagnosen, ja neu erfundene Störungen eingesetzt werden, die nicht für Kinder entwickelt wurden und schwerste Nebenwirkungen haben können. „Optimiert. Pathologisiert. kommerzialisiert. Das ist Kindheit in Deutschland.“ lautet dann auch das niederschmetternde Fazit der beiden Autorinnen.

Doch gibt es auch Modelle, die Hoffnung machen und die im 5. und letzten Kapitel des Buches vorgestellt werden. Zum Beispiel Neurofeedback-Training gegen ADHS, speziell zugeschnittene Freizeitbetreuung von Kindern mit Verhaltensstörungen, Familientherapien oder alternative Schulkonzepte. Die vorgestellten und bereits erfolgreich praktizierten Projekte machen Mut und sollten zur Nachahmung motivieren. Der hier skizzierte Weg ist der richtige. Acu für Ärzte gibt es die Möglichkeit, sich vom Einfluss der Pharamindustrie zu befreien wie die Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte, kurz „MEZIS“ zeigt. Bisher hat die Initiative deutschlandweit rund 560 Mitglieder. Das ist gemässen an der Zahl von über 350.000 berufstätigen Ärzten in Deutschland natürlich sehr bescheiden aber immerhin ein Anfang.

Das Buch ist ein Muss nicht nur für betroffene Eltern sondern auch für Ärzte und Pädagogen.

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Buchtipp – Sachbuch

Grundeinkommen statt Urheberrecht
Zum kreativen Schaffen in der digitalen Welt
Autor: Ilja Braun
Verlag: transkript Verlag, Bielefeld, (2014)
ISBN 9793837626803

Cover Ilja Braun BGEIn seiner 173 Seiten langen lesenwerten Abhandlung beleuchtet und belegt Ilja Braun mit vielen Argumenten seine These, dass die zeitgemäße Antwort auf das Versagen des Urheberrechts die Forderung nach einem bedingungslosem Grundeinkommen (nicht nur für KünstlerInnen sondern für alle) ist. Nur so könnten all jene, denn es sind tatsächlich alle, die an der wissensbasierten, immateriellen  Wertschöpfung mitwirken, auch angemessen beteiligt werden. Es geht also darum, die Gewinne jener Unternehmen, die auf der Nutzbarmachung freier, kreativer Kollaboration der Massen basieren, umzuverteilen, um sie den eigentlichen Produzenten zuführen zu können. Denn infolge des digitalen Wandels hat die klassische Erwerbsarbeit schließlich ihre Funktion, Quelle gesellschaftlichen Reichtums zu sein, verloren.

Basis seiner Überlegungen ist die Erkenntnis, dass Kreativität zwar zum wichtigsten Produktivfaktor in der heutigen (postindustriellen) Gesellschaft geworden ist, aber als solcher nicht anerkannt und angemessen vergütet wird.

Am Schluß räumt Ilja Braun selbst ein, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen derzeit realpolitisch zwar utopisch sei, dennoch als politische Zielsetzung mitzudenken ist. Annäherungen in Richtung dieser Utopie sind für ihn „alle Formen von Unterstützung einer größeren Selbstbestimmung der Subjekte über ihre kreativen Tätigkeiten, deren Zwecke und Produkte“.

Ein Buch also, dass wirklich alle angeht.

>>Link zur Seite des Autors mit Liste von weiteren Buchrezensionen:
http://www.mynetcologne.de/~nc-braunil3/bge.htm

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Buchtipp – Krimi

Die letzte Flucht
Autor: Wolfgang Schorlau
Verlag: Kiepenheuer & Witsch GmbH, (Sept. 2011)
ISBN 9783462042795
Gebraucht zu finden u.a.: http://www.zvab.com

Gut recherchierter Krimi, in dem es um die Machenschaften der Pharmaindustrie geht. Der sechste Fall führt den Privatermittler Georg Dengler nach Berlin. Professor Dr. Bernhard Voss, Arzt an der Charite, wird des Kindermords verdächtigt. Sein Verteidiger bittet Dengler um Unterstützung. Dieser stößt bei seinen Ermittlungen auf immer mehr dubiose Machenschaften und Manipulationen in Medizin, medizinischer Forschung  und Pharmaindustrie. Die parallel erzählte Geschichte über den Widerstand gegen ‚Stuttgart 21‘, in dem Denglers Sohn Jakob aktiv ist, wirkt trotz Tatsachentreue etwas sehr konstruiert.
‚Zwei Jahre lang habe ich über die Pharmaindustrie recherchiert‘, schreibt Schorlau im Nachwort. ‚Ich kann es nicht anders sagen: Diese Industrie wird von einer beispiellosen kriminellen Energie getrieben.‘ Im Anhang finden sich zudem einige nützliche Tipps, u.a. für PatientInnen die auf Arztsuche sind das engagierte Netzwerk MEZIS http://www.mezis.de.
Hier heißt es:
„Die Initiative „Mein Essen zahl‘ ich selbst – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte“ hat sich 2006 gegründet. Inspiriert von der US-Bewegung http://www.nofreelunch.org entsteht auch in Deutschland ein Netzwerk von Ärztinnen und Ärzten, die

  • ihr Verschreibungsverhalten am PatientInnenwohl orientieren und an sonst nichts
  • nach intelligenten und praktikablen Strategien gegen die allgegenwärtigen Geschenke und Beeinflussungen der Pharmahersteller suchen
  • die ÄrztInnen dafür sensibilisieren wollen, dass sie nicht mehr unbeeinflussbar sind, wenn sie annehmen, was ihnen die Hersteller bieten (Kulis, Essen, Studien, Reisespesen und mehr)
  • ihren PatientInnen den großen Nutzen klar machen wollen, wenn sie sich von nicht-käuflichen ÄrztInnen beraten und behandelt lassen.“

Ein offensichtlich weites Feld und es lohnt, sich damit zu befassen. Das Buch von Wolfgang Schorlau ist ein spannender und unterhaltsamer Einstig in die Thematik.

Siehe auch:

http://schorlau.com/

https://www.jungewelt.de/2015/01-17/012.php

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Buchtipp – Doku

Days of Action
Die neoliberale Globalisierung und ihre Gegner
Autor: Michel Reimon
Gebundene Ausgabe: 207 Seiten
Verlag: Ueberreuter (März 2002)
ISBN-10: 3800038536
ISBN-13: 978-3800038534

Gebraucht zu finden u.a.: http://www.zvab.com

Zum Glück schreibt hier nicht nur ein Journalist , sondern auch ein Aktivist über die Anfänge und Hintergründe der Bewegung der Globalisierungskritiker. Sehr gute, leicht verständliche Einführung in ein komplexes Thema und spannend zu lesen wie ein Krimi.
Michel Reimon (* 11. Juli 1971 in Eisenstadt) ist ein österreichischer Autor, Journalist, Kommunikationsberater und Politiker. Er war Spitzenkandidat der Burgenländischen Grünen bei der Landtagswahl im Burgenland 2010 und ist seit Anfang Juli 2014 Mitglied des Europäischen Parlaments.
www.reimon.net

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Ade gelbe MUSIK!

Mit „gelbe MUSIK“  verabschiedet sich am 10. April 2014 eine weitere Berliner Institution und Legende.  Der kleine Plattenladen gilt als Fundgrube für all diejenigen, die Lust an musikalischen Experimenten haben.
Im Vorspann zu einem Beitrag von DRadio Wissen vom 25.3.2010 heißt es:
„Der Laden mit dem Schild „Gelbe Musik“ ist klein und unauffällig. Ursula Block gründete den Plattenladen bereits im Dezember 1981 – und er musste die meiste Zeit hart um sein Überleben kämpfen. Denn die „Gelbe Musik“ bietet keinen Mainstream, wer die Beatles, Beethoven oder aktuelle Chart-Stürmer sucht, geht woanders hin.
Aber Ursula Blocks Musikangebot hat Fans in der ganzen Welt. Sie bestellen nicht nur über den gelegentlich erscheinenden Katalog, sondern reisen extra nach Deutschland – für musikalische Kleinode, die Kunst und Klangexperimente gleichermaßen sind. Da ist es nur logisch, dass der Plattenladen auch als Galerie funktioniert.“
>> Hier gehts zum Radiobeitrag

Noch bis zum 10. April 2014 läuft der Ausverkauf mit Rabatten bis zu 50%:Enjoy the very last days of gelbe MUSIK (1981 – 2014)

„Starting from Feb. 1, 2014, we invite you for a SALE of records, CDs, books
a.o. with reductions up to 50% at our physical store in Berlin, Germany.

gelbe MUSIK says farewell on April 10th with a concert* at Hamburger Bahnhof.
Milan Knízák and the Opening Performance Orchestra will perform:
BROKEN MUSIC / RE:BROKEN MUSIC

After April 10th gelbe MUSIK will function as BROKEN MUSIC archive and be
accessible by appointment.

We will also continue to offer some of the remaining stock of gelbe MUSIK here on Discogs Marketplace.“

*a production of gelbe MUSIK in cooperation with Freunde Guter Musik Berlin e.V., Nationalgalerie im Hamburger
Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, Berliner Festspiele / MaerzMusik, with support of Berliner Künstlerprogramm
des DAAD and Elektronisches Studio of TU Berlin

Quelle: http://www.discogs.com/user/gelbeMUSIK

ADRESSE:

gelbe MUSIK • Schaperstr. 11 • 10719 Berlin • Germany • Tuesday – Friday 1 – 6 pm • Saturday 11 am – 2 pm

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Wie schade!

Das Kunstmagazin stellt mit der aktuellen Doppelausgabe für Dezember und Januar (Nr. 78) das Erscheinen der Printausgabe ein.

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Abb.: aktuelles Coverfoto Kunstmagazin 1312 NR 78

Die Herausgeberin Jennifer Becker schreibt im Impressum hierzu:

„Seit bald acht Jahren bietet Ihnen das KUNST Magazin engagiert und unabhängig einen Einblick in die deutschsprachige Kunstszene, hat regelmäßig aktuelle Ausstellungen vorgestellt und die wichtigsten Diskurse beleuchtet. Seitdem sind in insgesamt 78 Ausgaben zahlreiche Gastartikel, Interviews, Galerieprofile und natürlich die KUNST Magazin Sammlergespräche erschienen.
Mit dieser Ausgabe verabschiedet sich nun die Printausgabe des KUNST Magazins von Ihnen.“

Die Internetseite mit Blog (http://kunst-magazin.de/) soll aber (zunächst) noch weiter geführt werden.

Zuletzt erschien das handliche Heft etwa DinA5 groß in einer Auflage von 40.000 Exemplaren zehn mal im Jahr.  Für die Leser war es kostenlos. Einnahmen brachten Anzeigen und kostenpflichtige Ausstellungshinweise für Galerien, Museen und Ausstellungshäuser. Obwohl überregional angelegt, speiste sich die Mehrzahl der Inserenten aus in Berlin ansässigen Ausstellern und Kultureinrichtungen. Trotzdem hat es das engagierte und thematisch weit gefächerte Kunstmagazin nicht geschafft, in der viel beschworenen Kunstmetropole Berlin finanziell zu überleben. Das liegt wohl auch daran, dass die Masse der Kunstkonsumenten und Ausstellungsbesucher zwar bereit ist, die stetig wachsenden Eintrittsgelder für große Ausstellungshäuser und Museen zu bezahlen und auch den einen oder anderen Euro für dickleibige Kataloge auszugeben, nicht aber bereit oder interessiert genug ist, auch etwas für Geld für tiefergehende textliche Analysen, kunstkritische Texte oder sonstige Hintergrundberichte in Magazinform auszugeben. Aber auch die allgemeine Krise der Printmedien klingt hier an und zwingt zum medialen Umdenken im Kulturjournalismus.