30 Jahre GEHAG FORUM – ein Ausschnitt Berlinischer Kunstgeschichte

Buchcover: Betriebsstörung – 30 Jahre GEHAG FORUM, Gebr. Mann Verlag Berlin 2019

Das Buch „Betriebsstörung“ ist ein gelungenes Resümee eines ungewöhnlichen Ausstellungsformates

Schätzungsweise acht- bis zehntausend KünstlerInnen leben und arbeiten aktuell in Berlin, vornehmlich in sogenannten „kleinteiligen und von atypischen Beschäftigungsverhältnissen geprägten Arbeitswelten“. Die meisten der Kultur- und Kreativschaffenden leben dabei unter einem enormen Prekarisierungsdruck. Einer von vielen Gründen dafür sind die mangelnden Präsentationsmöglichkeiten für Kunstwerke.  Denn solange es keine vernünftigen und ausreichenden Fördermöglichkeiten gibt, sind die Kunstschaffenden vor allem auf Kunstverkäufe angewiesen, die wiederum durch öffentliche Präsenz, also durch Ausstellungen angebahnt werden können. Berlin profitiert zwar extrem von der lebendigen, hippen und vielfältigen Kunstszene, jedoch ohne ihre Akteure in einer nur annähernd ausreichenden Form zu unterstützen, wie dies in vielen anderen (wachstumsorientierten) Wirtschaftsbereichen passiert. Umso wichtiger sind neben den wenigen staatlichen Museen, Kunstvereinen und kommunalen Galerien der Hauptstadt alternative Ausstellungsprojekte für zeitgenössische Kunst. Diese entstehen mitunter auch in privatwirtschaftlichen Bereichen.

Ein erfolgreiches, aber dennoch nur wenig außerhalb der Kunstszene bekanntes Langzeitprojekt ist das GEHAG FORUM. Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums dieses nicht einzigartigen aber dennoch außergewöhnlichen und sympathischen Ausstellungsprojektes erschien nun ein umfassendes Katalogbuch mit dem provozierenden und doch treffenden Titel „Betriebsstörung“ und einem quietschbunt und explosiv gestalteten Cover. Matthias Reichelt, der für Idee, Recherche und Redaktion der Publikation verantwortlich ist, hatte die Aufgabe, nicht weniger als 139 Ausstellungen unter Beteiligung von über 300 Künstlerinnen und Künstlern (die Präsenz von Frauen und Männern war tatsächlich nahezu gleichstark) zu dokumentieren – und hat sie mit Bravour gemeistert. Das Buch ist ein reich bebildertes Resümee eines ungewöhnlichen Ausstellungsformates und auch seines engagierten Kurators und Mitbegründers Karl-Hans (Charly) Schumacher. Er wähle, so die Kunsthistorikerin und ehemalige Galeristin Helen Adkins in ihrem Katalogbeitrag, alle Künstlerinnen und Künstler mit strengem Blick auf die Entwicklung des Gesamtwerkes sowohl nach „künstlerischer Qualität“ als auch „menschlicher Integrität“ aus. Neben einer repräsentativen Auswahl beispielhafter Werke von rund 170 der ehemaligen Teilnehmer und Teilnehmerinnen bereichern historische Fotografien von Ausstellungsansichten, Eröffnungen, Planungen und Ausstellungsaufbauten den Band. Ein Mammutprojekt also, das der Bedeutung des GEHAG FORUMS als Teil der aktuellen Berliner Kunstszene und inzwischen auch Berlinischer Kunstgeschichte der Nachwendezeit durchaus angemessen ist. Die große Anzahl verbietet es, an dieser Stelle jemanden hervorzuheben, denn das hieße zugleich, die Mehrheit unerwähnt zu lassen.

Charly Schumacher (2016), Foto: Matthias Reichelt

Ort des Geschehens ist der 1936 von Wolf Jobst Siedler errichtete und imposant gestaltete Bürokomplex der ehemaligen Wohnungsgesellschaft Gehag, heute im Besitz des Immobilienkonzerns Deutsche Wohnen SE, in der Mecklenburgischen Straße in Berlin-Wilmersdorf. In diesem funktionalen Verwaltungsgebäude, das von jeher abseits der wechselnden Hot Spots der Berliner Art Scene liegt, finden seit dreißig Jahren bis zu sieben Mal im Jahr durchaus sehenswerte Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst statt. Zu einem Markenzeichen wurden auch die stets von Michael Klatt künstlerisch überzeugend gestalteten Einladungen als Klappkarten im Din A5 Format.

Das GEHAG FORUM wurde Ende der 1980er Jahre auf Initiative der Malerin Antoni Droht und der Bildhauerin Hannelore Buschkötter ins Leben gerufen und fand in Charly Schumacher einen langfristigen und sich unermüdlich einsetzenden Kurator und Organisator. Bei jeder Ausstellung wurden neben der mit Travertin ausgestatteten größeren Halle im Eingangsbereich auch Flure und Lobbybereiche in den einzelnen Büroetagen des Verwaltungsgebäudes bespielt. Dass Aufbau und Präsentation der Gruppenausstellungen nicht immer einfach zu lösen waren, kann man sich vorstellen. Zudem ging es Charly Schumacher und zeitweilig dazu gestoßenen MitstreiterInnen wie Elke Melkus, die zwischen 1992 und 2010 eine Reihe von insgesamt elf Skulpturenausstellungen für das GEHAG FORUM realisierte, stets weniger um dekorative Aspekte und visuelle Erbauung als vielmehr um spannungsvolle Dialoge künstlerischer Positionen der Malerei, Grafik und Skulptur. Das wird auch beim Durchblättern des Buches schnell deutlich. Manches Werk musste im Arbeitskreis, der gemeinsam über das Programm entscheidet, verteidigt werden. Manchmal galt es, eine Idee gegen den Widerstand des Vorstands durchzusetzen oder offen gezeigter Ablehnung seitens in der Verwaltung tätiger MitarbeiterInnen zu trotzen. Charly Schumacher, der selbst als Sozialarbeiter für das Unternehmen tätig war, reagierte darauf mit Vermittlungsangeboten wie zum Beispiel Kunstführungen speziell für die Beschäftigten. Auch wurden die Ausstellungen stets während der Bürozeiten oft durch die Künstlerinnen und Künstler selbst installiert, die dabei direkt auf Fragen der Angestellten eingehen konnten. Bestimmt konnten so bestehende Vorurteile oder wechselseitige Berührungsängste abgebaut werden. Schließlich war kein neutraler musealer Raum zu bespielen, sondern ein Bürogebäude im alltäglichen Betrieb, zu dem auch Besucher Zutritt haben.

140. Ausstellung des GEHAG Forum (u.a.mit Zeichnungen von Ireen Zielonka), 2019, Foto: Matthias Reichelt

Die 1922 als „Gemeinnützige Heimstätten Aktien-Gesellschaft“, kurz GEHAG gegründete Wohnungsgesellschaft hat eine wechselvolle Geschichte. 2007 fand der Zusammenschluss der GEHAG und der Deutsche Wohnen AG statt. Die Deutsche Wohnen AG wurde 1998 als Tochtergesellschaft der Deutschen Bank in Frankfurt a. M. gegründet und bündelte die Wohnungsimmobilien der Bank. Seit 1999 ist die Deutsche Wohnen AG, seit Juli 2017 Deutsche Wohnen SE, ein börsennotiertes Unternehmen. Der Konzern kämpft seit Monaten mit einem mehr als angeknacksten Image, macht negative Schlagzeilen in der Presse und wurde zudem Gegenstand einer Kampagne zur Enteignung als Mittel gegen übermäßig steigende Mieten. Eine Bürgerinitiative mit dem Namen „Deutsche Wohnen & Co. Enteignen“ startete im April in Berlin eine Unterschriftensammlung mit dem Ziel eines Volksentscheids zur Enteignung privater Wohnungsunternehmen mit mehr als 3000 Wohnungen. Die Deutsche Wohnen besitzt rund 163.000 Wohnungen, davon fast 110.000 Einheiten in Berlin. Natürlich kann man das kulturelle und somit gesellschaftliche Engagement des Konzerns Deutsche Wohnen SE nicht davon abgesondert sehen. Ob die aufgrund der verschärften Wohnraumsituation, Gentrifizierung und Mietenexplosion in Berlin berechtigte Kritik dazu führen wird, dass Künstlerinnen und Künstler, die ja, wie eingangs beschrieben, zumeist selbst in prekären Situationen leben, in Zukunft nicht mehr ohne weiteres bereitwillig ihre Werke im GEHAG FORUM ausstellen werden, bleibt jedoch abzuwarten. Privatwirtschaftliches Kultursponsoring dient naturgemäß der Aufpolierung des Firmenimages und möchte der Gesellschaft zeigen oder suggerieren, dass ein Teil der Gewinne, die gemacht werden, zurückfließt und dem Allgemeinwohl zur Verfügung gestellt wird. In Berlin gibt es natürlich weitere Beispiele für das künstlerische Engagement bzw. Kultursponsoring umstrittener Firmen. Da wären etwa die Deutsche Bank KunstHalle, der GASAG Kunstpreis oder die Schering Stiftung, deren Vermögensverwaltung unentgeltlich durch die Bayer AG erfolgt und die neben dem Kulturförderprogramm einen eigenen Projektraum für Ausstellungen betreibt. Für Künstlerinnen und Künstler ist das Ausstellen ihrer Werke wie anfangs beschrieben existenziell und in Berlin ist die Situation weiterhin angespannt, weil die Zahl der Kreativen wächst aber nicht genügend Orte für öffentliche Präsentationen vorhanden sind. Deshalb wird wohl kaum Widerstand aus dieser Richtung zu erwarten sein. Im Gegenteil, eine Ausstellung an den genannten Orten oder eine Förderung selbst durch umstrittene Firmen zu erhalten, gilt den meisten Künstlerinnen und Künstlern als erstrebenswert und Karriere fördernd.

Das GEHAG FORUM war bisher – besonders durch die Person Charly Schumachers – eine gute und unter Kulturschaffenden begehrte Alternative zu selbstverwalteten Projekträumen, kommerziellen oder kommunalen Galerien und den verschwindend geringen Ausstellungsmöglichkeiten in nur wenigen großen Berliner Museen und Institutionen für Gegenwartskunst, die zudem etablierten und marktpositionierten künstlerischen Positionen vorbehalten sind. Ob das GEHAG FORUM angesichts der aktuellen Vorwürfe gegen die Deutsche Wohnen SE weiterhin ein Raum für Experimente und Ort der Begegnung unbekannter und etablierter KünstlerInnen bleiben wird, ist zumindest fraglich. Die wenig ambitionierte Rede des Vorstandsvorsitzenden Michael Zahn anlässlich der offiziellen Buchpräsentation Ende Mai ließ auch wenig Hoffnung, dass das Problem offen und transparent behandelt wird oder das GEHAG FORUM zukünftig für einen positiven Imagetransfer des angeschlagenen Rufs der börsennotierten Wohnungsgesellschaft genutzt wird. Vielleicht ist das aber auch besser so.

Betriebsstörung – 30 Jahre GEHAG FORUM
Hg. von Manuela Damianakis
Idee/Redaktion: Matthias Reichelt
Texte von Matthias Reichelt, Ralf F. Hartmann, Elke Melkus, Helen Adkins und Christoph Tannert
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
ISBN-10: 3786128219
ISBN-13: 978-3786128212

Gebr. Mann Verlag, Berlin 2019
Preis: 49,00 Euro

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Fakten, Fakten, Faktencheck…

Kommunizieren wir noch oder befinden wir uns längst in einem globalen Informationskrieg?

 

Nur ein Jahr ist es her, dass die Erstauflage des Buches „LÜGEN IM NETZ – Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren“ von der Publizistin und Online-Expertin Ingrid Brodnig erschienen ist. Und schon im Jahr darauf folgt die überarbeitete Neuauflage des informativen Buches. Denn die Entwicklungen auf dem Gebiet kursierender Falschmeldungen zum Zwecke von Manipulation und Meinungsmache verlaufen rasant. Zudem sind sie äußerst folgenschwer und somit bedrohlich selbst für stabile demokratische Gesellschaften.

Man muss also bei diesem Thema am Ball bleiben, um auf dem neuesten Stand zu sein und in der Lage, mit dem Phänomen „Fake News“ umzugehen. Nur so kann man gegen einen Prozess vorgehen, der dazu führen könnte, dass die freie Meinungsäußerung im demokratischen, gemeinwohlorientierten und menschenrechtskonformen Sinn leidet oder zunehmend eingeschränkt wird.

In der Neuauflage ihres Buches „Lügen im Netz. Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren“ hat Brodnig in Bezug auf Fake News den Fokus auf die Wirkmacht von Bildern intensiviert. Neben griffigen Parolen, also dem Instrument der Sprache, sind diese besonders wirksam und leicht zu fälschen. Brodnig  berichtet zudem über ein Experiment im Selbstversuch, bei dem sie „Likes“ von gefälschten Fans auf Facebook eingekauft hat. Eine wenngleich illegitime so doch durchaus wirksame Methode, um den Aufmerksamkeitsgrad in diesem größten und zugleich umstrittensten und problematischsten aller sozialen Netzwerke für eigene Inhalte zu erhöhen. Brodnig zeigt auf, dass auch bei der angeblichen Popularität in Form von tausenden von Followern ganz einfach betrogen werden kann – es ist nur eine Frage des Geldes.

​Soziologische Studien kommen wiederholt zu dem Ergebnis, dass der Mensch bis zu 200 Mal am Tag lügt und online lügt es sich offenbar leichter. Normalerweise würden wir davon in erster Linie in unserem unmittelbaren Umfeld betroffen sein, also nur den Unwahrheiten unserer direkten Umgebung ausgesetzt sein. Im digitalen Zeitalter ist die Welt jedoch zu einem Dorf geschrumpft und mittels Internet können Menschen weltweit miteinander kommunizieren, rund um die Uhr, mit Personen die sie weder persönlich kennen, jemals kennenlernen werden geschweige denn deren tatsächliche Existenz sie überprüfen könnten. Die Schwemme öffentlicher Debatten in den größten Netzwerken und Chatrooms von Facebook, Twitter, Instagram, Google+ oder WhatsApp (von denen gleich drei dem viel zu mächtig gewordenen Medienmogul Mark Zuckerberg gehören) macht die Suche nach Wahrhaftigkeit und überprüfbaren Fakten für jeden einzelnen von uns schwieriger denn je. Hinzu kommt das Problem, dass sich die User gemäß ihrer menschlichen Natur in Echokammern begeben und dort von Algorithmen quasi abgeschirmt und einseitig mit Infos versorgt werden, die dorthin durchdringen und so manipuliert werden. Gleichzeitig, das ist inzwischen hinlänglich bekannt, werden alle Informationen über das persönliche Profil der User gesammelt und zu Geld gemacht durch Werbung. Besonders im rechten Spektrum nutzen Populisten die kostenlosen Netzwerke, um ihre skurrilen und gefährlichen Parallelwelten zu errichten, gefüllt mit gebetsmühlenartig wiederholten, einseitigen und manipulativen Behauptungen, Falschaussagen und Beleidigungen gegen ebenfalls frei erfundene und kreierte Feindbilder oder Andersdenkende.

Wer sich im Netz bewegt und sich sozialer Netzwerke bedient, muss sich diese Dinge klar machen, ihre Funktionsweise verstehen und auch dagegen agieren. Wenn ein Boykott, was das einfachste wäre, nicht in Frage kommt, bleibt nur der mühsame Weg, jede Information auf Herz und Nieren zu prüfen, bevor man sie kommentiert und somit weiter verbreitet. Selbst negative Kritik sorgt am Ende für eine Weiterverbreitung von falschen Behauptungen. Viele provokative Beiträge zielen gerade auf diesen Instinkt ab und wollen Wut auslösen, denn „Angry people click more“. Auch wenn wir in einem Kommentar eine Falschaussage richtig stellen, sorgt starker Widerspruch auch dafür, die Sichtbarkeit von unsinnigen Postings zu erhöhen.

Ingrid Brodnig möchte mit ihrem Buch nicht entmutigen, im Gegenteil. Sie plädiert dafür, das Problem der Verbreitung von Desinformation im Netz anzugehen, Faktenchecks vorzunehmen und somit auch das System der gemeinwohlorientierten Demokratie zu verteidigen. Denn wir dürfen nicht zulassen, dass rein marktwirtschaftliche oder gefährlich ideologische Interessen von Rechtspopulisten das Netz für inhumane, undemokratische und unsoziale Zwecke kapern. Als engagierte User müssen wir uns dafür einsetzen, dass das Netz ein Medium der Aufklärung, der Kultur und menschlicher Verständigung bleibt. Auf der gesetzlichen Ebene muss dafür gesorgt werden, dass große Technikplattformen transparent werden.

In ihrem Buch gibt Brodnig viele praktische Tipps und sehr nützliche Hinweise für Faktenchecks und daher sollte es eigentlich jeder, der sich in den großen kommerziellen sozialen Netzwerken bewegt, gelesen haben.

Sachbuch:

Ingrid Brodnig
LÜGEN IM NETZ
Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren
Zweite überarbeitete Auflage
ISBN 978-3-7106-0270-2
Brandstätter Verlag, Wien 2018
www.brandstaetterverlag.com

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#fridaysforfuture – Gedanken zur Klimastreikbewegung

Teilnehmer am Klimastreik Berlin, 29.03.2019, Foto: Manuela Lintl

Erneut kamen in Berlin ca. 25.000 Teilnehmer_innen im Invalidenpark zusammen, der passender Weise genau zwischen Bundeswirtschafts- und Bundesverkehrsministerium liegt, um lautstark und mit zahllosen selbstgemachten Transparenten und Plakaten für eine längst überfällige und vor allem wirksame Klimaschutz-Politik zu streiken und die Stimme zu erheben. Die große Zahl der Schülerinnen und Schüler wird dabei von einer bisher nur langsam steigenden Zahl Erwachsener unterstützt. Seit Monaten kommen die Kinder und Jugendlichen in zahlreichen Städten Deutschlands und auf der ganzen Welt jeden Freitag während der Schulzeit nach dem Vorbild der schwedischen Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg zusammen, um für den Klimaschutz und eine drastische Senkung der CO2 Emissionen, die weltweit und besonders auch bei uns in Deutschland nach wie vor steigen, zu streiken. Die „Fridays for Future“-Demonstrationen und Aktionen sind bisher vor allem in den großen kommerziellen sozialen Netzwerken (und Datenkraken) präsent. Dabei ragen einige Aktivist_innen wie Luisa-Marie Neubauer, Franziska Wessel, Louis Motaal und Jakob Blasel besonders hervor. Wie jede Bewegung braucht auch „Fridays for Future“ ihre „Leitfiguren“, die nach außen mehr in Erscheinung treten aber auch mehr Zeit, Kraft und Energie in die Organisation der Streiks und Proteste investieren.

Teilnehmer am Klimastreik Berlin 29.03.2019, darunter Greta Thunberg an der Spitze des Demonstrationszugens (erste Reihe, dritte Person von links) , Foto: Manuela Lintl

Am Freitag, dem 29. März 2019 war auch die Gründerin der Bewegung Greta Thunberg in Berlin anwesend, um wie zuvor bereits in Hamburg, an der Spitze des Demonstrationszuges mitzulaufen und eine Rede auf der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor zu halten. Ihre Anwesenheit und positive Ausstrahlung hat die Teilnehmenden merklich beflügelt, denn Greta Thunberg ist eine Symbolfigur und für viele wohl auch so etwas wie eine echte Heldin des friedlichen Protests.

Foto: Manuela Lintl

Die wöchentlichen Schulstreiks wirken wie ein Katalysator, kurbeln die Debatte an und intensivieren sie und haben endlich erreicht, was jahrzehntelange wissenschaftliche Forschungen zum Klimawandel nicht geschafft haben: Die globale Erderwärmung mit ihren katastrophalen Folgen für den Planeten mit seinen empfindlichen Ökosystemen in den Blickpunkt der Medien und damit einer breiten Öffentlichkeit zu rücken und Druck auf die Politik auszuüben, die scheinbar handlungsunfähig einer allzu wirkungsstarken kapitalistischen Wirtschaft gegenüber steht. Endlich! Denn die klimatischen Veränderungen betreffen schließlich früher oder später alle Menschen auf der ganzen Welt. Und deshalb sollten die Erwachsenen schleunigst beginnen, sich an den Protesten zu beteiligen.  Sonst gehören sie auf die Seite der von den Klimaaktivist_innen bekämpften, also der Verursacher.  Wer mitmacht bei den Protesten muss aber auch seinen eigenen, individuellen Lebensstil überdenken und ändern. Dazu gehören zuvorderst Verzicht auf Flugreisen, Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel statt privater Autos, eine verantwortungsbewusste Ernährungsweise bis hin zu Konsumreduktion bzw. -verzicht. Das alles wird nicht nur negative Folgen für die Lebensweisen der Menschen in den westlichen Industrienationen haben. Mehr Bewegung in dann saubererer Luft wird das Wohlbefinden steigern. Gesunde Ernährung ebenfalls. Und die Entschleunigung wird sich positiv auf einige der gravierendsten Stressoren auswirken.

Aber all das wird trotzdem nicht reichen, denn die Hauptverursacher des globalen CO2-Ausstoßes sind eine handvoll globaler Unternehmen. So kommt der sogenannte „Carbon Majors Report“ 2017 zu dem Ergebnis, dass 71 Prozent der weltweiten industriellen Treibhausgase von nur einhundert Unternehmen stammen . Das heißt wiederum, dass mehr als die Hälfte der Industrie-Emissionen auf nur 25 Firmen zurückgeführt werden kann.

Teilnehmer am Klimastreik Berlin, 29.03.2019, Foto: Manuela Lintl

Die Klimastreik-Bewegung muss eine generationenübergreifende werden, damit sie noch wirksamer wird und nicht an Kraft verliert. Sie sollte nicht zu einer Spaltung der Gesellschaft in „junge Protestler“ und „alte Verursacher“ führen.

Zudem wird ein umfassendere und dezidiertere Sichtweise nötig sein, um den Protest nicht allein auf die Verursachung der CO2 Emissionen durch fossile Brennstoffe zu fokussieren, sondern in Richtung einer Systemkritik auszuweiten. Die Bündelung von Kräften vieler nichtstaatlicher Organisationen (NGOs), die sich oft schon seit Jahrzehnten beispielsweise für den Natur-, Tier- und Umweltschutz, die Einhaltung der Grund-, Menschen- und Kinderrechte, für Minderheitenschutz etc. einsetzen, wäre wünschenswert und wichtig, um eine wirklich breite Massenbewegung auf die Beine zu stellen, die es braucht, um den Planeten zu retten!

Teilnehmer am Klimastreik Berlin, 29.03.2019, Foto: Manuela Lintl

 

Quellen (Auswahl):

https://fridaysforfuture.de/

Zum Klimawandel:

CDP Carbon Majors Report 2017: https://b8f65cb373b1b7b15feb-c70d8ead6ced550b4d987d7c03fcdd1d.ssl.cf3.rackcdn.com/cms/reports/documents/000/002/327/original/Carbon-Majors-Report-2017.pdf?1499691240

https://www.heise.de/tp/news/Klima-CO2-Emissionen-steigen-weiter-4353857.html

https://utopia.de/nur-100-unternehmen-produzieren-71-prozent-der-industriellen-treibhausgas-emissionen-57116/

An IPCC special report on the impacts of global warming of 1.5 °C above pre-industrial levels and related global greenhouse gas emission pathways, in the context of strengthening the global response to the threat of climate change, sustainable development, and efforts to eradicate poverty: https://www.ipcc.ch/sr15/

Zu Greta Thunberg:

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/greta-thunberg-interview-auslandsjournal-100.html

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/greta-thunberg-wie-gross-ist-der-einfluss-ihres-mentors-a-1259773.html

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/greta-thunberg-in-hamburg-greta-sind-viele-a-1255864.html

http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/greta-thunberg-die-16-jaehrige-klima-aktivistin-im-interview-a-1251288.html

 

 

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