Plädoyer und Kalkül

Installationsansicht „Facing India“ im Kunstmuseum Wolfsburg Foto: Marek Kruszewski

Installationsansicht „Facing India“ im Kunstmuseum Wolfsburg
Foto: Marek Kruszewski

 

Die Ausstellung „Facing India“ im Kunstmuseum Wolfsburg präsentiert Positionen sechs indischer Künstlerinnen

29.04.2018-07.10.2018

Sein Antrittsversprechen, das Kunstmuseum Wolfsburg zukünftig “politischer, weiblicher und globaler” in der Programmausrichtung gestalten zu wollen, sieht Direktor Ralf Beil in der aktuellen Ausstellung “Facing India” zielführend umgesetzt. Gemeinsam mit Kuratorin Uta Ruhkamp stellt er hierin sechs Positionen der indischen Künstlerinnen Vibha Galhotra, Bharti Kher, Prajakta Potnis, Reena Saini Kallat, Mithu Sen und Tejal Shea vor. Bis auf Bharti Kher, die in London zur Welt kam, sind alle Frauen im Zeitraum zwischen 1969 und 1980 in der südasiatischen Republik geboren und arbeiten auf individuelle Art und Weise gesellschaftsbezogen. Die ausgewählten Künstlerinnen gehören damit der postkolonialen Generation Indiens an, besitzen internationale Ausbildungs- und Arbeitserfahrungen und gelten bereits als arriviert. Sie nutzen ihre Kunst auch, um politische Fragen zu stellen oder damit Missstände in der indischen Gesellschaft anzuprangern.

Presserundgang zur Ausstellung "Facing India", Reena Saini Kallat vor ihrer ortspezifischen Sound-Installation "Wowen Chronicle" (2015), Foto: Manuela Lintl

Presserundgang zur Ausstellung „Facing India“, Reena Saini Kallat vor ihrer ortspezifischen Sound-Installation „Wowen Chronicle“ (2015), Foto: Manuela Lintl

Die Themen der Werke in dieser panoptisch angeordneten Ausstellung mit einer Freifläche im Zentrum der großen Halle des Museums, kreisen kontextuell vor allem um Formen sozialer, religiöser, ethnischer oder geschlechtlicher Diskriminierung und Ungleichheit. Wer einen farbenprächtigen Exotismus alla Bollywood erwartet, wird enttäuscht. Die Künstlerinnen beherrschen die Strategien und das Formenvokabular zeitgenössischer Kunstproduktion und greifen des Weiteren in den gezeigten Installationen, Fotografien, Collagen, Zeichnungen, Videos und Skulpturen meist dezent und bisweilen unterschwellig von Menschen verursachte Formen der Natur- und Umweltzerstörung sowie negative Folgen der Globalisierung und Digitalisierung (Kontrolle und Überwachung) auf. Brisant ist das vor allem vor dem Hintergrund, dass derzeit in Indien das digitale Identifikationssystems „AADHAAR“ umgesetzt wird. Es dient  einer biometrischen und biografischen Datenerfassung und –speicherung im Orwellschen Ausmaß, bei dem die Daten der gesamten indischen Bevölkerung über 18 Jahren in einer Datenbank gesammelt werden. Doch selbst höchst brisante aktuelle Inhalte werden in der Ausstellung ertragbar verhandelt. Natürlich betrifft vieles nicht allein die indische Gesellschaft, hat aber dort ein Ausmaß erreicht, das für die Bewohner der meisten Länder Europas oder Nordamerikas wie ein erschreckender, aufrüttelnder Blick in eine Kristallkugel wirken sollte.

Vibha Galhotra BREATH BY BREATH 2016/17 Digitale Diaprojektion, Glaskasten und Stahl 30,5 x 25,4 x 25,4 cm © Courtesy of the artist

Vibha Galhotra
BREATH BY BREATH
2016/17
Digitale Diaprojektion, Glaskasten und Stahl
30,5 x 25,4 x 25,4 cm
© Courtesy of the artist

So führen die Exponate der Ausstellung „Facing India“ beunruhigende und auch dramatische Probleme der Zukunft wie zum Beispiel extreme Luft- und Wasserverschmutzung vor Augen, die die gesamte Menschheit betreffen werden.

Obwohl Indien nach aktueller Einschätzung von Ökonomen 2018 weltweit zur fünftgrößten Wirtschaftsmacht aufsteigen wird und laut einer vom britischen Forschungsinstitut CEBR im Dezember veröffentlichten Studie (die auf dem Vergleich der Bruttoinlandsprodukte in Dollar gerechnet basiert) somit in diesem Jahr Großbritannien und Frankreich wirtschaftlich überholen wird, herrschen in dem pluralistischen Vielvölkerstaat mit über 1,3 Milliarden Einwohnern, die neben Hindi und Englisch 21 weitere anerkannte Landessprachen sprechen, zum Teil extrem schlechte soziale und ökologische Zustände. Geschlechtlich bedingte oder kastenabhängige Diskriminierungen, Kinderarbeit und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen nicht nur in der Textilbranche sowie Konflikte durch religiösen Fundamentalismus zementieren Unsicherheit und Ungerechtigkeit.

Die Ausstellung “Facing India” ist vor allem das Resultat persönlicher Erfahrungen und intensiver Recherchen der Kuratorin Uta Ruhkamp, die 2016 und 2017 insgesamt drei Reisen nach Indien unternommen hat. Dabei besuchte sie Ateliers von Künstlerinnen u.a. in den Metropolen Mumbai und Neu Delhi und bekam einen Einblick in Indiens aktuelle Kunstszene, die sie als jung, offen und diskursfreudig beschreibt. Die Akteure sind geografisch auf die Metropolen konzentriert, eng vernetzt und “überraschend weiblich geprägt”, schreibt Uta Ruhkamp in ihrem Katalogbeitrag. Ob das als Zeichen zunehmender Gleichberechtigung gewertet werden kann oder ob man den Frauen nur eine Spielwiese überlässt, die keine gut bezahlten Jobs bietet und politisch und wirtschaftlich bisher noch als unmaßgeblich betrachtet wird, wäre einmal genauer zu untersuchen. Auf jeden Fall wurde auch die erst seit zehn Jahren stattfindende „India Art Fair“ in Neu Delhi, anfangs noch „India Art Summit“ bezeichnet, von einer Frau, Neha Kirpal gegründet. Kirpal kehrte nach ihrem Studium in London nach Indien zurück, in einer Zeit als es in Europa tausende Galerien und unzählige Kunstmessen gab und in Indien nichts Vergleichbares stattfand. Indiens erste Kunstmesse entstand im Jahr der Finanzkrise und hat sich zu einem fragwürdigen aber erfolgreichen Schmelztiegel entwickelt, in dem bildende Kunst, Design, Luxusgüter, Business und Bildung im Bereich der Kunst zusammentreffen. Mit Jagdip Jagpal leitet seit diesem Jahr erneut eine Frau die Messe.

Presserundgang zur Ausstellung "Facing India", Video "Between the Waves - Landfill Dance" von Tejal Shah, Foto: Manuela Lintl

Presserundgang zur Ausstellung „Facing India“, Video „Between the Waves – Landfill Dance“ von Tejal Shah, Foto: Manuela Lintl

Wie Uta Ruhkamp die sechs Vertreterinnen für die Wolfsburger Ausstellung schlussendlich ausgewählt hat und unter wieviel Positionen insgesamt bleibt leider unklar. Ihre kuratorischen Ausgangsfragen lauten: Wie nutzen indische Künstlerinnen mit internationaler Reputation heute ihre Stimme? Wie stellen sich die Landesgeschichte, Gegenwart und Zukuft Indiens aus dem weiblichen Blickwinkel dar? Welche Sprache finden sie für das Unausgesprochene? Und wie gehen sie mit ihrer sozialen Verantwortung und dem Erbe der feministischen Künstleravantgarde Indiens um? Die Antwort auf die letzte Frage lautet: Mit Kontinuität, die junge Generation von Künstlerinnen setzt den eingeschlagenen Weg von Vorreiterinnen wie Amrita Sher-Gil, Madhvi Parekh, Nasreen Mohamedi oder Arpitha Singh fort. Wobei Tejal Shah mit ihrem radikalen Ansatz und Vibha Galhotra mit ihren Werken, die auf intensiver Recherchearbeit beruhen und einen umweltpolitischen Ansatz verfolgen, der die Grenzen zum Aktivismus überschreitet, neue Wege gehen.

Allerdings soll die Ausstellung “Facing India” ausdrücklich kein Manifest eines kulturspezifisch indischen Feminismus sein, auch wenn die „Frauenfrage“ zu einem der dringendsten Probleme in der bevölkerungsreichsten Demokratie der Welt zählt. Nach Ansicht Uta Ruhkamps widmet sie sich vielmehr inhaltlich nicht ausschließlich Fragen der Frauenrolle sondern befragt die  diversen Realitäten Indiens. Bei ihren Recherchereisen empfand Ruhkamp die „interkulturellen Grenzen des Verstehens“ als das maßgeblichste Problem. Als (westlicher) Besucher der Ausstellung kann man das sehr gut nachempfinden. Werke wie „COMBUSTION“ (2016) oder „ACCELERATION“ (2017) von Vibha Galhotra kommen kaum ohne Erläuterungen zu ihren Hintergründen aus.

Ausstellungsrundgang bei der Pressekonferenz Foto: Manuela Lintl

Ausstellungsrundgang bei der Pressekonferenz
Foto: Manuela Lintl

„COMBUSTION“ besteht aus einer riesigen Stahlpfanne, die mit einem verbrannten fossilen Brennstoff gefüllt ist, in dem eine kleine Messingschale schwimmt. Die Arbeit beruht auf dem uralten Prinzip einer 24-Stunden-Wasseruhr. Im Boden der goldenen Messingschale ist ein feines Loch, so dass sich die Schale langsam mit Flüssigkeit füllt und man so am Pegelstand die Zeit ablesen kann. Die ästhetisch ansprechende Arbeit verweist auf eines der drängendsten Probleme der Menschheit im Anthropozän, nämlich die katastrophalen Folgen für Klima und Umwelt durch den verheerenden Umgang mit fossilen Brennstoffen. Die Wandarbeit „ACCELERATION“ besteht aus unzähligen Ghungros, das sind kleine Glöckchen, die als Schmuck auf Bänder genäht werden und normalerweise in Indien von verheirateten Frauen oder Tänzerinnen bei traditionellen Vorführungen an den Fußgelenken getragen werden. Galhotra hat die an Samen erinnernden Glöckchen zusammengeschmolzen und in Form alarmierender Klimawandel-Kurvendiagramme des Klimaforschers und Chemikers Will Steffen angeordnet. Das Wissen um die Inhalte verändert den Blick auf diese Werke, sie verlieren ihre vermeintlich zeitlose Schönheit und harmlose Ästhetik.

Um mehr über die Hintergründe der einzelnen Werke zu erfahren ist ein Blick in den Katalog sehr zu empfehlen. Das Buch bietet neben einführenden Essays ausführliche Interviews mit den einzelnen Künstlerinnen. In diesen Gesprächen erfährt man viel über die ausgestellten Arbeiten und auch Details zu den individuellen Lebensgeschichten sowie die jeweiligen politischen und ästhetischen Überzeugungen.  Alle Frauen haben sehr unterschiedliche Wege zur Kunst beschritten und somit eine freie Berufswahl getroffen, was ihnen in einem Land wie Indien nur möglich war, weil sie aus liberal eingestellten, privilegierten Familien stammen.

Presserundgang zur Ausstellung "Facing India", Detail, Foto: Manuela Lintl

Presserundgang zur Ausstellung „Facing India“, Detail der Wandarbeit von Prajakta Potnis, , Foto: Manuela Lintl

Der programmatische Titel „Facing India“ ist extrem weitläufig gewählt und sollte die Künstlerinnen dazu auffordern, sich der Realität Indiens zu stellen und diese mit den Mitteln der Kunst bildpolitisch zu verhandeln. Überraschenderweise fehlen manche zu erwartende Themen wie etwa „Kinderarbeit“ oder „Textilindustrie“ komplett. Auch positive Entwicklungen werden ausgeklammert, zum Beispiel, dass sich aktuell in Indien mehrere Bundesstaaten auf den Weg machen, mit politischen Entscheidungen und finanzieller Förderung ihre Landwirtschaft komplett auf biologische Landwirtschaft umzustellen oder den Einsatz von Pestiziden zu verbieten. Vorreiter ist der kleine Bundesstaat Sikkim, in dem die Landwirtschaft seit seit  2016 zu hundert Prozent Bio-Kriterien folgt. Auch der Bundesstaat Andhra Pradesh gab jüngst bekannt, dass die rund 6 Millionen Bauernfamilien des Staates spätestens ab 2024 ohne Pestizide arbeiten werden. Damit wickeln die indischen Bundesstaaten die umstrittene „Grüne Revolution“ aus den 1960er Jahren ab.

Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten kreisen interessanterweise auch um gemeinsame Themen wie etwa die Beschäftigung mit den in Indien so maßgeblichen historischen und aktuellen Grenzkonflikten und Territorialstreitigkeiten. An erster Stelle natürlich die indisch-pakistanische Teilung 1947, die zu Völkermord und Massenvertreibung führte. Seit dem Ende der Kolonialzeit haben Indien und Pakistan bereits vier Mal um die Region Kaschmir und Jammu Kriege geführt, ohne zu einer substantiellen Lösung zu gelangen. Noch immer bestimmt der Kaschmirkonflikt die Beziehungen zwischen beiden Ländern. Am explizitesten nimmt Reena Saini Kallat in ihrer Arbeit „CREASE“ (2008) darauf Bezug.

Reena Saini Kallat CREASE / CRECVICE / CONTOUR (DETAIL) 2008 10 Pigmentdrucke auf alterungsbeständigem Hahnemühle-Künstlerkarton Jeweils 101 x 127 cm © Courtesy of Reena Kallat Studio Foto: Iris Dreams

Reena Saini Kallat
CREASE / CRECVICE / CONTOUR (DETAIL)
2008
10 Pigmentdrucke auf alterungsbeständigem Hahnemühle-Künstlerkarton
Jeweils 101 x 127 cm
© Courtesy of Reena Kallat Studio
Foto: Iris Dreams

Es sind zehn Fotografien mit wechselnden Ansichten des Rückens einer unbekleideten Frau. Ein Muster aus roten Namensstempeln der Unterzeichner des Friedensabkommens im Jahr 2004 entpuppt sich als schematisches Abbild der wechselnden Grenzverläufe zwischen Indien und Pakistan von Oktober 1947 bis Dezember 1948, als die Waffenstillstandslinie als „Line of Control“ festgelegt wurde. Doch Grenzen spielen in Indien auch in Fragen der Identität und Persönlichkeit eine zentrale Rolle. Denn die Prägung durch eine pluralistische Gesellschaft, die gekennzeichnet ist durch unzählige Ethnien, Kasten, Sprachen und Kulturen, Religionen und Philosophien führt dazu, dass sich Identität hier in erster Linie durch die Abgrenzung vom jeweils anderen definiert. Die Spannbreite des Themas „Grenzen“ lässt sich also ausdehnen auf Geschlechtergrenzen sowie politische, ökologische, religiöse oder soziale Schranken und Barrieren. Besonders die expressiven und erotisch aufgeladenen Zeichnungen und Skulpturen von Mithu Sen widersprechen der vorgegebenen Möglichkeit einer eindeutigen Zuordnung in nur zwei Geschlechter auf provokative Art und Weise. Die Künstlerin stellt etablierte Hierarchien und Grenzen zwischen Geschlechtern und auch Ethnien, Kasten oder Spezies in Frage, indem sie alles vermischt oder fragmentiert, überlagert oder herauslöst.

Indien, das wird klar, bildet einen Mikrokosmos, in dem sich weltweit virulente Probleme unserer globalen Gemeinschaft wie unter einem Mikroskop betrachten lassen. In vieler Hinsicht gibt das allerdings eher Anlass zu großer Sorge als zu Hoffnung. Die Ausstellung „Facing India“ spiegelt das und versammelt zum Teil eindringliche, manchmal sinnliche aber niemals rohe, schockierende Metaphern für unterschiedliche Aussagen und Statements der sechs Künstlerinnen. Insgesamt ist so eine sehenswerte Themenschau entstanden, obzwar längst nicht alle Positionen gleichermaßen überzeugend sind. Enttäuschend sind vor allem Bharti Khers Arbeiten, die kommerziell erfolgreichste unter den sechs Künstlerinnen. Im Katalog bezeichnet sie sich selbst als anpassungsfähigen „Hybrid“ mit verschiedenen kulturellen Wurzeln. Sie ist verheiratet mit dem ebenfalls erfolgreichen Künstler Subodh Gupta und beide gehören zum großen Künstlerstamm des Galerieimperiums Hauser & Wirth, einem der biggest player im internationalen Markt für zeitgenössische Kunst.

Bharti Kher CELL II 2015 Bindis auf bemaltem Karton 244 x 184 cm © Courtesy of the artist Foto: Bharti Kher Studio

Bharti Kher
CELL II
2015
Bindis auf bemaltem Karton
244 x 184 cm
© Courtesy of the artist
Foto: Bharti Kher Studio

Als die in London geborene Künstlerin im Alter von nur 22 Jahren Anfang der 1990er Jahre nach Indien kam, hatte die internationale Kunstwelt das Land noch nicht wahrgenommen. Bharti Kher sah darin aber eine Chance für die eigene Karriere und bereitete sich darauf vor, mit neuen Arbeiten präsent zu sein, wenn der Moment endlich kommen sollte. Sie behielt Recht. Ihre seriell gefertigten Bindi-Bilder auf bemalten Karton der Reihe „CELL“ sind farbenfrohe aber banale Collagen, in denen die kleinen runden Stirnzeichen in allen möglichen Farben zu immer neuen abstrakt-organischen Formen und Mustern angeordnet werden. Die Schmuckbindis oszillieren dabei zwischen tiefer Symbolträchtigkeit und oberflächlichem Dekor, ganz so wie das dritte Auge und ehemalige Merkmal verheirateter Frauen sich in Indien vom spirituellen Merkmal zu einem alltäglichen und universalen Schmuckaccessoire gewandelt hat. Bharti Kher arbeitet sich systematisch und patriarchatskritisch an Frauenthemen ab und benutzt dazu typisch indische und weiblich konnotierte Objekte, Mythen oder Identitätszeichen wie die Bindis, Saris oder Armreifen.

Prajakta Potnis, die jüngste Teilnehmerin der Ausstellung, hält in cool wirkenden Fotografien und hauchzarten Bleistiftzeichnungen verfremdet erscheinende Details fest aus einem – nicht nur in Indien – traditionell weiblichen Ort des häuslichen Bereichs, der Küche. In den Fotos der Serie „CAPSULE“ (2016) blickt sie in Gefrierfächer von Kühlschränken. Minimale Eingriffe und Arrangements mit organischen oder unorganischen Gegenständen wie z.B. Ei, Blumenkohl, oder Miniaturrolltreppen verfremden die Schauplätze und rufen beim Betrachter bewusst Irritationen hervor. Da wird das Gefrierfach zum konzeptuellen Ort, Symbol für das Gedächtnis, eine verlassene Landschaft, Territorium eines unbekannten Planeten oder gemahnt an Saatguttresore auf Spitzbergen.

Prajakta Potnis CAPSULE I 2012 Digitaldruck auf Stoff, Aluminiumleuchtkasten und Leuchtmittel 182 x 304 x 12 cm © Courtesy of the artist and Project 88, Mumbai

Prajakta Potnis
CAPSULE I
2012
Digitaldruck auf Stoff, Aluminiumleuchtkasten und Leuchtmittel
182 x 304 x 12 cm
© Courtesy of the artist and Project 88, Mumbai

Dabei laufen die mannigfaltigen Anspielungen leider auch Gefahr, sich im Beliebigen zu verlieren. Eine Kritik, die sich auf die Ausstellung insgesamt ausdehnen lässt und zeigt, dass Plädoyer und Kalkül selbst in einer kritischen Kunst nah beieinander liegen können. Hier müssen die Besucher also ganz genau hinschauen und nachlesen – möglichst in verschiedenen Quellen, um zu entscheiden, ob es sich um glaubwürdige engagierte Kunst mit echtem Widerstandspotenzial handelt oder vielleicht doch nur um „Radical Chic“.

KATALOG:

Der Katalog, herausgegeben von Ralf Beil und Uta Ruhkamp in deutscher und englischer Ausgabe, mit einem Vorwort von Ralf Beil und einer Einführung von Uta Ruhkamp, Essays von Urvashi Butalia, Leiterin des feministischen Verlages Zubaan, und Roobina Karode, Direktorin des Kiran Nadar Museum of Art in Neu-Delhi und Noida, sowie ausführlichen Interviews mit allen Künstlerinnen von Uta Ruhkamp. 240 Seiten mit 150 Abbildungen, 24 x 31 cm, Hardcover, 38 € im Museumshop.

INFO:

Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1, 38440 Wolfsburg, Di-So 11-18 Uhr, Eintritt 10/8 Euro

Link zum Museum: https://www.kunstmuseum-wolfsburg.de/ausstellungen/

 

 

Buchtipp:

Benjamin Pütter | Dietmar Böhm“ Kleine Hände – großer Profit“ (2017)

Webtipps:

Allgemein zu Indien:

>http://www.bpb.de/internationales/asien/indien/

>https://www.planet-wissen.de/kultur/asien/indien/

Zur Umstellung indischer Bundesstaaten auf eine biologische Landwirtschaft:

>https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2018/mobilitaet/sikkim-der-biostaat

>http://www.umweltinstitut.org/aktuelle-meldungen/meldungen/2018/bio-revolution-in-indien.html

>https://www.unenvironment.org/news-and-stories/press-release/andhra-pradesh-become-indias-first-zero-budget-natural-farming-state?platform=hootsuite

>https://schrotundkorn.de/lebenumwelt/lesen/willkommen-in-sikkim.html

Zum digitalen Identifikationssystems „AADHAAR“:

>http://www.deutschlandfunkkultur.de/biometrisches-indien-digitale-vermessung-aller-buerger-fuer.979.de.html?dram:article_id=416443

>http://www.deutschlandfunkkultur.de/sicherheitstechnologie-mit-biometrie-faengt-man-keine.1005.de.html?dram:article_id=392345

>https://mobile.nytimes.com/2018/04/03/opinion/india-data-privacy-biometric-aadhar.html

>https://www.heise.de/newsticker/meldung/Reis-gegen-Fingerabdruck-Digitalwahn-und-Hunger-in-Indien-4009165.html?seite=all

>https://www.uidai.gov.in/

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