Preis der Nationalgalerie 2017

 

Weichenstellung im „Betriebssystem Kunst“

Gruppenfoto: Shortlist Preis der Natinonalgalerie 2017

Gruppenfoto: Die 4 nominierten Künstlerinnen der „Shortlist“ Preis der Nationalgalerie 2017, V.l.n.r.: Iman Issa, Agnieszka Polska, Sol Calero und Jumana Manna. Photo: David von Becker

Ausstellung der vier nominierten Künstlerinnen für den Preis der Nationalgalerie 2017 im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin

Das Gruppenfoto mit den vier Berliner Künstlerinnen, die für den diesjährigen Preis der Nationalgalerie nominiert sind, erinnert an obligatorische Teamfotos von Profisportlern vor der Sponsorenwand: Iman Issa, 1979 in Kairo geboren, Sol Calero, Jahrgang 1982 aus Caracas, die 1985 in Lublin geborene Agnieszka Polska und die 1987 in Princeton geborene Jumana Manna konkurrieren um den neunten Preis der Nationalgalerie. Ungewöhnlich ist, dass diesmal ausschließlich Frauen und zudem alle mit Migrationshintergrund für die Shortlist ausgewählt wurden. Man kann sich natürlich fragen, ob dahinter der Zufall oder eine kalkulierte Absicht steckt. Die fünfköpfige Vorjury mit Schauspielerin Meret Becker und den Kuratorinnen Natasha Ginwala und Alya Sebti hat die vier Favoritinnen aus rund 90 Vorschlägen gewählt. Die Empfehlungen kamen von nicht benannten, ausgewählten Direktoren und Kuratoren, die im Bereich der zeitgenössischen Kunst tätig sind und Mitgliedern des Vereins der Freunde der Nationalgalerie. Auswahlkriterien waren ein hohes kreatives Potential, ein überzeugendes, bisheriges künstlerisches Œuvre und ein ungewöhnlicher, möglicherweise neuartiger künstlerischer Ansatz. Gemeinsam ist den Finalistinnen, dass sie alle erfahrene „Global Player“ des Kunstbetriebs sind und über mehrfache Ausbildungen oder Studienabschlüsse in verschiedenen Ländern sowie lange internationale Ausstellungslisten verfügen.

V. l. n. r.: Udo Kittelmann (Direktor der Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin), Agnieszka Polska und Monika Grütters (Staatsministerin für Kultur und Medien) Foto: offenblen.de

V. l. n. r.: Udo Kittelmann (Direktor der Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin), Agnieszka Polska und Monika Grütters (Staatsministerin für Kultur und Medien) Foto: offenblen.de

Bevor eine von ihnen am 20. Oktober von der zweiten Jury, in der dann auch Udo Kittelmann als Direktor der Nationalgalerie ein direktes Mitspracherecht hat, feierlich zur Siegerin gekürt wird, stellen sie ihr Werk im Hamburger Bahnhof dem allgemeinen Publikum vor. (Anmerkung: Der Preis wurde inzwischen an Agnieszka Polska vergeben) Die Besucher können ihre Stimme für einen gesondert vergebenen Publikumspreis abgeben.

Der Kunstpreis der Nationalgalerie ist einer der renommiertesten in Deutschland und wird alle zwei Jahre an Künstler unter 40 Jahren vergeben. Seit 2013 ist er nicht mehr mit einem Preisgeld, sondern mit einer großen Einzelausstellung samt Katalog in einem der Häuser der Berliner Nationalgalerie verbunden. Bisherige Preisträger wie Anne Imhof, Monica Bonvicini oder Cyprien Gaillard und auch die Nominierten zählen zu den gefragten und erfolgreichen Protagonisten der Gegenwartskunst. Der Preis wird durch den Verein der Freunde der Nationalgalerie ermöglicht und finanziell durch den Autokonzern BMW gefördert. Veranstalter und Auslober sind bemüht, Transparenz und Fairness hinsichtlich des Auswahlprozederes walten zu lassen. Denn hier werden wirkungsvolle Weichen im „Betriebssystem Kunst“ gestellt, die aus Kunst Karrieren und Kapital erwachsen lassen. Solch renommierte museale Kunstpreise, das ist ein offenes Geheimnis, sind eines der Räder im Getriebe des globalisierten Kunstmarktes zum Anfachen der Wertschöpfungskette. Die Doppeldeutigkeit des Wortes Kunstpreis ist durchaus ernst zu nehmen: Kunstpreise erhöhen die Preise der Kunst, sie heizen die Nachfrage an und steigern dadurch den Marktwert eines Künstlers.

Jumana Manna Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin © Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Trevor Good / Courtesy the artist & CRG Gallery, New York / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Jumana Manna,
Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
© Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Trevor Good / Courtesy the artist & CRG Gallery, New York / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Die Palästinenserin Jumana Manna ist in den USA geboren und in Jerusalem aufgewachsen, wo ihr Vater, der Historiker Adel Manna ein Institut am Beit Berl College leitet. Eine mögliche Erklärung für den historischen und anthropologischen Ansatz ihrer filmischen Langzeitprojekte. Im Hamburger Bahnhof zeigt sie als Wandprojektion den Film “A Magical Substance Flows into Me” (2015), kombiniert mit Podesten, Gerüsten und amorphen hohlen Körpern aus bemaltem Gips. Die überdimensionalen Artefakte sind wie eine archäologische Ausgrabungsstätte im Raum angeordnet, inklusiv Sitzmöglichkeiten für die Besucher. Der Film ist eine Hommage an den deutsch-jüdischen Musikethnologen Robert Lachmann (1892-1939) und lässt die Zuschauer teilhaben an traditionellen Musikperformances verschiedener, rund um Jerusalem lebender Ethnien.

Iman IssaHeritage Studies, 2015-2017 Verschiedene Materialien, Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, © Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Jan Windszus / Courtesy the artist and carlier | gebauer

Iman Issa, Heritage Studies, 2015-2017
Verschiedene Materialien, Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, © Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Jan Windszus / Courtesy the artist and carlier | gebauer

Im benachbarten Saal stellt die aus einer naturwissenschaftlichen Akademikerfamilie stammende Iman Issa ihre nüchtern und perfektionistisch anmutende Serie “Heritage Studies” (2015-2017) aus. Die minimalistisch-abstrakten, vor allem aber kryptischen Objekte werden im Kontext der Konzeptkunst verortet. Wandtexte weisen die Gebilde als „skulpturale Neuinterpretationen“ alter musealer Artefakte aus. Die Künstlerin möchte so deren Bedeutung für die Gegenwart ermitteln und wohl auch verhindern, dass die makellosen Nachbildungen als inhaltsleere Design-Spielereien missverstanden werden.

Agnieszka PolskaWhat the Sun Has Seen (Version II), 2017 HD-Animation, Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin © Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Jan Windszus / Courtesy Zak Branicka Galerie, Berlin and OVERDUIN & CO., LA

Agnieszka Polska, What the Sun Has Seen (Version II), 2017
HD-Animation, Installationsansicht Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
© Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Jan Windszus / Courtesy Zak Branicka Galerie, Berlin and OVERDUIN & CO., LA

Agnieszka Polska zeigt zwei neue Videoanimationen “The New Sun” und „What the Sun Has Seen“ (2017), die abwechselnd als Projektionen in zwei abgedunkelten Räumen laufen. Es sind Monologe der Sonne als großer Feuerball im dunklen Weltall, mit großen traurig blickenden blauen Augen, Stupsnase und rotem Mund. Untermalt von sanfter Musik erzählt eine männliche Stimme die Gedanken und Sorgen des Sterns im Zentrum unserer Galaxie als verschlüsselte Erzählung in Zeiten des Klimawandels.

 

Sol Calero hat mit “Amazonas Shopping Center” ein aufwendiges, kritisch-ironisches Environment realisiert. Die Künstlerin kombiniert mehrere Installationen aus den letzten fünf Jahren zu einem Konglomerat aus Schule, Internetcafé, Kino, Reisebüro, Wechselstube und Friseursalon. Beschwingt durchwandert man die farbenfrohen, exotisch anmutenden Segmente, die zu einem Klischees entlarvenden Gesamtkunstwerk ihrer karibischen Heimat Venezuela verschmelzen. Zumal im Vorbild dieses Paradieses wirtschaftliche und medizinische Versorgungsnotstände und seit Mai 2016 der Ausnahmezustand herrschen. Doch bleibt der Besucher bloßer Zuschauer in diesen farbenfrohen aber trotzdem unlebendig und leer wirkenden Orten der Kommunikation, Stätten des Konsums und sozialer Begegnung, die sich als Potemkinsche Dörfer erweisen.

Sol CaleroAmazonas Shopping Center, 2017 Installationsansicht Hamburger Bahnhof, © Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Trevor GoodTrevor / Courtesy Courtesy the artist, Laura Bartlett Gallery, London

Sol CaleroAmazonas Shopping Center, 2017
Installationsansicht Hamburger Bahnhof, © Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Trevor GoodTrevor / Courtesy Courtesy the artist, Laura Bartlett Gallery, London

Bis 14. Januar 2018, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, Invalidenstraße 50-51, 10557 Berlin, Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Sa, So 11 – 18 Uhr, Mo geschlossen , Eintritt: 8/4 Euro,

http://preisdernationalgalerie.de/

#UPDATE

#1 Die vier Nominierten für den Preis der Nationalgalerie haben in einem gemeinsamen Statement aus ihrer Sicht problematische Aspekte der Auszeichnung angesprochen. Ein kurzer Bericht dazu erschien am 10.11.2017 in der Zeitschrift Monopol:

http://www.monopol-magazin.de/nominierte-kritisieren-preis-nationalgalerie

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